Sing! Inge, Sing!

Aufmacher zum Film „Sing! Inge, Sing!“

Aufmacher zum Film „Sing! Inge, Sing!“

BERLIN — Rechtzeitig vor dem seit 1964, damals noch unter dem Namen Berliner Jazztage stattfindenden JazzFest 2011 vom 2.-6. November fand gestern die Premiere zum Kinostart des Films SING! INGE, SING! — der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg vom Dokumentarfilmer Marc Boettcher statt. Der Anreiz sich näher mit dem Leben und Wirken der Inge Brandenburg zu befassen und schließlich nach mehrjähriger Recherche diesen Film zu drehen, beruht auf einem Zufall. Da sich niemand für den Nachlass der 1999 verstorbenen und in Vergessenheit geratenen Sängerin interessierte, landete dieser auf dem Flohmarkt, wo ein Sammler Tagebücher, Fotos und unveröffentlichte Tonbandaufnahmen erstand und sie an Marc Boettcher weiterreichte. Dem Filmemacher gelingt es in seinem Film das bewegte, mehr von Tief- als Höhepunkten gezeichnete Leben, der einstmals besten Jazzsängerin Deutschlands von ihrer Kindheit bis zu ihrem Tode nachzuzeichnen. Inge Brandenburg, 1929 in Leipzig geboren, verlor beide Elternteile im Konzentrationslager und wurde selbst in ein Kinderheim für schwer erziehbare Kinder eingewiesen. Bald nach dem Krieg trat sie in Clubs der amerikanischen Besatzungsmacht auf und wurde bald eine geschätzte Solistin. Bereits 1960 wurde sie auf dem Jazzfestival in Antibes zur besten europäischen Jazzsängerin gekürt. Trotz internationaler Anerkennung, das Time-Magazin verglich sie mit der amerikanischn Jazz-Legende Billie Holiday, und Auftritten in Frankreich, Schweden, Dänemark und selbst Libyen blieb ihr der große Durchbruch verwehrt. Einerseits wurde Jazz im Nachkriegsdeutschland mit dem Begriff „Negermusik“ abqualifiziert und war dementsprechend wenig populär und mit dem Aufstieg der Beatles ging das ohnehin geringe Interesse an Jazz weiter zurück. Andererseits war Inge Brandenburg eine eher schwierige Persönlichkeit. Ihre Weggefährten beschreiben sie als sehr gute, aber kompromißlose Jazzsängerin. Dementsprechend schlugen Versuche, ihre Karriere mehr in Richtung Schlager zu dirigieren fehl. Von Natur aus schon aufbrausend, verstärkte ihre Alkoholsucht die Probleme im Umgang mit ihren Mitmenschen. Beleidigungen und Handgreiflichkeiten selbst gegenüber engen Freunden waren nichts Ungewöhnliches. Auch wenn sie noch einige Zeit als Theaterschauspielerin, u.a. auch am Schiller-Theater in Berlin, arbeitete wurden ihre Auftritte immer seltener, bis sie sich ganz aus dem Geschäft zurückzog. Schließlich vestarb sie 1999 in München an den Spätfolgen ihrer Alkoholsucht und wurde in einem Armengrab beigesetzt. Schon zu Lebzeiten so gut wie vergessen, kamen zu ihrer Beerdigung nur sieben Personen.
Nicht nur inhaltlich überzeugt der Film, sondern auch durch seine unaufdringliche Machart. Marc Boettcher gelingt es, die unterschiedlichen Materialen von unterschiedlicher Qualität — viele alte Film-, Fernseh- und Theateraufzeichnungen, Tagebuchnotizen und Bilder sowie aktuelle Interviews von Weggefährten Inge Brandenburgs — ohne eigene Spielszenen in einem ruhigen, aber nie langweiligen zweistündigen filmischen Portrait zu vereinen. Auch wenn es dem eher tragischen Inhalt vielleicht nicht angemessen erscheint, bürgt dieser bewegende Film dennoch für einen gelungenen Filmabend, der auch anschließend noch zu nachdenklichen Gesprächen beitragen kann. Auch hätte der Film, sollte er denn jemals im Fernsehen gezeigt werden, einen besseren Sendeplatz verdient, als üblicherweise anspruchsvollen Produktionen vergönnt ist. Als Begleimaterial zum Film ist eine CD gleichen Namens bei Silver Spot Records erschienen.

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