Die merkwürdigen Telefonate des Herrn W.

Wie inzwischen bestätigt wurde, hat Bundespräsident Christian Wulff versucht durch telefonische Intervention beim „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und dem Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, Mathias Döpfner, eine Veröffentlichung über seinen, unter dubiosen Umständen erhaltenen, Privatkredit in Höhe von 500.000 € zu verhindern. Die Telefonate beweisen zunächst einmal, daß er sich der Anrüchigkeit seiner Geldgeschäfte bewusst war, bevor er es zugeben musste. Ist die bisherige Wulffsche Krisenbewältigungsstrategie (Hatte er überhaupt eine?) schon komplett fehlgeschlagen (Was haben ihm eigentlich seine Berater empfohlen, ist er lern- und beratungsresistent oder handelt es sich um strafrechtlich Relevantes, was jede Aussage gefährlich macht?), werfen die Telefonate neue Fragen auf.

Das es zwischen Politik und Presse im Allgemeinen und dem Springer-Verlag im Besonderen ein Geben und Nehmen gibt, ist nichts Neues und geht wahrscheinlich auch bis zu einem gewissen Grade nicht anders. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat es für seine Regierungszeit außerordentlich prägnant formuliert:

„Zum Regieren brauche ich nur Bild, Bams und Glotze.“

Insofern sollte es eigentlich jedem, mindestens aber Politikern, klar sein, daß es keine sonderlich gute Idee ist, sich mit dem Springer-Verlag anzulegen, außer man hat sehr gute Gründe und starke Nerven.

  • Welches Druckmittel meinte also Christian Wulff gegen den Springer-Verlag in der Hand zu haben?
  • Wie kam er zu der Auffassung ein Anruf des Bundespräsidalamtes beim „Bild“-Chefredakteur und dem Vorstandsvorsitzenden der Springer AG würde den Springer-Verlag einknicken lassen?
  • Wie sähe ein „Krieg“ gegen den millionenschweren Springer-Verlag, geführt von einem Mann der Schulden hat, aus? Insbesondere im Hinblick auf die Tatsache, daß die Telefonate aus dem Springerkonzern entfleucht (worden) sind, was einer Kriegserklärung der Bild-Zeitung an Wulff gleichkommt! Offensichtlich hat Wulff keinen Wert mehr für die Springer-Presse. Wen hat er also womit verärgert?

Als eine weitere Alternative käme noch in Betracht, daß ihm die Höhenluft einfach nicht bekommt. Er wäre nicht der Erste, der sich selber durch Selbstüberschätzung zu Fall bringt. Eine dritte Möglichkeit bestünde darin, daß er tatsächlich davon überzeugt ist, daß er die Menschen — Geerkens, Maschmeyer, Springer-Leute — mit denen er sich umgibt, wirklich für seine Freunde hält. Dann allerdings wäre er noch dümmer, als bisher gedacht.

Wie dem auch sei, inzwischen kann man von Glück reden, daß das Amt des Bundespräsidenten ein machtloses Amt ist, denn wenn bei einem Amtsinhaber — so wie beim derzeitigen Bundespräsidenten Christian Wulff — der erste Stress zu einem Kontrollverlust (Hatte er jemals die Kontrolle?) führt, könnte dies andernfalls durchaus tödliche Folgen haben. Gerade Führungspersonal sollte sich eigentlich durch Ruhe und Besonnenheit in Krisensituationen auszeichnen. Da auch schon sein Vorgänger Horst Köhler eher dünnhäutiger Natur war, stellt sich die Frage, wie re(a)gieren diese Leute, wenn es wirklich ernst werden sollte?

Ein anderer Aspekt ist die von Wulff gemachte Aussage „endgültiger Bruch“, denn diese interessante Formulierung legt zwei Dinge nahe:

  1. Es scheint weitere Vorfälle gegeben zu haben, die auf Grund einer erfolgreichen Intervention zurückgehalten worden sind.
  2. Es gibt — zumindest aus Sicht von Christian Wulff — einen Pakt zwischen ihm und der Presse.

Daraus ergeben sich Fragen, die der Beantwortung harren:

  • Um welche Vorfälle handelt es sich dabei? Weitere Unregelmäßigkeiten von Wulff selber oder existiert tatsächlich ein Dossier über das Vorleben von Bettina Wulff (abgesehen davon, wäre es eigentlich ziemlich egal was Frau Wulff bzw. die damalige Frau Körner vorher gemacht hat, sofern es sich um keine laufenden strafrechtlichen Vorgänge handelt)?
  • Warum verzichtete der Springer-Verlag auf die Veröffentlichung?
  • Ist nicht allein die Tatsache der Existenz von Abkommen zwischen Presse und Politik höchst fragwürdig und mindestens diskussionswürdig?

Für wen also hält sich Christian Wulff, um der Meinung zu sein, sich in der Lage zu befinden, auf den Springer-Verlag Druck ausüben zu können?

Allmählich wird die Frage spannend, welche Kandidaten uns die Parteien als Nachfolger für Christian Wulff präsentieren werden, denn selbst als Grüß-August taugt dieser durch das Amt stolpernde Bundespräsident nun erst recht nicht mehr! Nur die Presse kann von diesem Mann begeistert sein, denn etwas Postives gibt es über ihn einfach nicht zu berichten und gemäß der alten Regel „only bad news are good news“ füllt er die Nachrichtenspalten ganz von alleine.
Vielleicht sollte Herr Wulff einfach schon einmal für die Auszeit im Dschungelcamp üben: „Ich bin ein Star — Holt mich hier raus!“.

 
Nachtrag (03.01.2012):
Die Drohungen Wulffs haben System, er hat selbst mindestens einen Journalisten zum Rapport ins Schloß Bellevue einbestellt um seine Drohungen persönlich vorgetragen:

Und dieser Mann hat tatsächlich noch im Dezember die Unverfrorenheit besessen, in einer seiner Reden zu behaupten er hielte die Pressefreiheit für ein hohes Gut. Dies ist genau dieselbe merkwürdig zwiespältige Haltung, die er bei dem Kruzifixstreit an den Tag gelegt hat, Neutralitäpflicht ja, aber an niedersächsischen Schulen bleiben Kreuze an den Wänden.

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