Digitale Gesellschaft erklärt den „Tummelplatz des Terrors“

Die Digitale Gesellschaft hat die 24-seitige Broschüre Wie das Internet funktioniert — Eine Anleitung für EntscheidungsträgerInnen und Interessierte (PDF, englisches PDF) erstellt, die sie drucken und kostenfrei an Politiker und Entscheidungsträger verteilen wollen. Auf der Homepage heißt es dazu:

Es ist ein altbekanntes Klischee: Die Netz- und Technikkompetenz unter PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen gilt in der Regel als nicht besonders hoch. Anstatt weiter darüber Witze zu machen oder zu meckern, wollen wir das ändern.

Die Aussage hört sich schön an, ist aber leider inhaltlich falsch. Irgendwie scheint hier eine Fehlauffassung von Klischee vorzuliegen, denn wäre es ein Klischee, bräuchte man diese Broschüre nicht! Handelt es sich um ein Klischee, hieße das, daß die Angesprochenen fälschlicherweise der Ingnoranz verdächtigt würden. Somit benötigten sie diese Broschüre nicht, dafür aber die Klischeeträger eine Aufklärungsschrift, allerdings nicht über die Funktionsweise des Internets, sondern über den tatsächlich vorliegenden Sachverstand unter Entscheidungsträgern.

Da die überwiegende Mehrheit der derzeitigen Entscheidungsträger in der Politik aber praktisch seit Jahren täglich beweist («Tummelplatz des Terrors schließen», «„Killerspiele“: Bayern beharrt auf raschem Verbot»), daß sie tatsächlich nicht verstanden hat, wie das Internet funktioniert, tut Aufklärung in diesem Personenkreis Not. Es ist objektiv gesehen also weder ein Vorurteil, noch eine überkommene Darstellung, mithin kein Klischee.

Davon abgesehen halte ich das Ansinnen als Solches zwar für ehrenwert und legitim, bezweifele aber stark die Erfolgsaussichten. So wie ich das sehe, geht die Sache am Problem vorbei. Es fehlt der Zielgruppe weder an Aufklärungsmaterial über die Funktionsweise des Internets — die Buchhandlungen sind voll davon — noch an materiellen Möglichkeiten sich das notwendige Rüstzeug zu beschaffen, sondern es fehlt am Willen (und Manchem wohl auch nur die Zeit) sich mit der Materie zu befassen. Außerdem werden auch schon öfters Vorlagen für Abstimmungen nicht wirklich gelesen, sondern ggf. im Sinne der Parteiführung abgestimmt. Ob hier eine weiteres Schriftstück weiterhilft, darf bezweifelt werden. In ihrer Lebenseinstellung ist das Internet einfach nicht relevant, daran wird auch diese Broschüre nichts ändern. Darüberhinaus haben viele Entscheidungsträger an ganz anderer Stelle ein nicht unbedingt internetspezifisches Problem. Sie haben ein prinzipielles Problem mit Freizügigkeit und Offenheit. Daher wird das Internet und jedes andere Medium, welches freizügig ist, als Bedrohung empfunden. Es ist nicht der Mangel an technischem Wissen allein — der führt nur zu absurden Entscheidungen — sondern es ist im Wesentlichen der Kontrollverlust welcher ein Problem für sie darstellt. Technisches Wissen wird an dieser Stelle nichts ändern.

Inhaltlich ist die Broschüre einfach gehalten, meines Erachtens schon wieder zu einfach. Auch sollte sie vor der Drucklegung noch einmal sprachlich (Tipp- und Grammatikfehler; wenn ein Bild folgen soll, sollte es auch folgen und nicht schon gewesen sein, Intrusion = Eindringung, nicht Eindringling, etc.) und inhaltlich (Wiki ?) dringend überarbeitet werden. Dazu gehört u.a. das Kapitel über das WWW, wenn Fettdruck angesagt ist, sollte Fettdruck auch zweifelsfrei zu sehen sein, der Vergleich HTTPS versus Wachssiegel — bei Letzterem gibt gibt es keine dritte Instanz — hinkt zu sehr. Das Kapitel e-Mail ist deutlich zu kurz (SMTP wird erwähnt, POP nicht), obwohl noch Platz auf der Seite wäre. Auch sind einige technische Dinge eher mißverständlich ausgedrückt. Der Text im Ganzen ist einfach nicht rund.

Solange aber in der Zielgruppe die Bereitschaft fehlt, sich mit dem Thema wirklich auseinandersetzen zu wollen, ist es eher umsonst verpulvertes Geld. Ähnlich, aber reziprok, ist es bei den konservativen Parteien im Falle der Kernenergie. Man ist dafür, aber jedenfalls nicht auf Grund von guter Sachkenntnis im Bereich von Nuklearphysik. Politische Entscheidungen sind oftmals vollkommen unabhängig von Sachverständnis, leider.

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