Hevelingische Dadaistik

Wer gestern auch nur einen Blick in ein Sozialnetzwerk geworfen hatte, stieß unweigerlich auf das Hashtag #hevelingfacts und auf den Gastkommentar vom Bundestagsabgeordneten Ansgar Heveling (CDU) im Handelsblatt, mit dem als Kriegserklärung formulierten Titel Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!. Ansgar Heveling ist nicht nur MdB, sondern — und das ist in diesem Falle besonders erwähnenswert — Mitglied der Enquete-KommissionInternet und digitale Gesellschaft“. Bisher war er ein unscheinbarer Hinterbänkler, aber mit dem gestrigen Tage hat er sich schlagartig in das Bewusstsein hunderttausender Menschen hineinkatapultiert. Selbst Spiegel-Online kommt nicht umhin ihm einen eigenen Artikel (CDU-Hinterbänkler trollt die Netzgemeinde) zu gönnen. Doch genießen wir zunächst einige Schlaglichter aus dem kommentaristischen Höhepunkt des Jahres 2012:

Liebe „Netzgemeinde“, das Web 2.0 ist bald Geschichte. Die Revolution der „digitalen Maoisten“ geht vorbei – die Frage ist nur, wie groß die Schäden sind.

Ja, es wird eine weitere Version des Web geben, und ja auch die CDU wird den Weg Burgunds gehen. Was hat der Mann gegen Maoam?

Die mediale Schlachtordnung der letzten Tage erweckt den Eindruck, wir seien im dritten Teil von „Der Herr der digitalen Ringe“ angekommen, und der Endkampf um Mittelerde stehe bevor.

Genau und Ansgar der wilde Recke wird den Lindwurm besiegen …

Und das ist nicht die Offenbarung eines einsamen Apokalyptikers, es ist die Perspektive eines geschichtsbewussten Politikers. Auch die digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen. Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird.

… und in grünem (Jugendschutz muß sein!) Drachenblut (das gibt Ärger mit den Grünen) baden.

Diese bürgerliche Gesellschaft mit ihren Werten von Freiheit, Demokratie und Eigentum hat sich in mühevoller Arbeit aus den Barrikaden der Französischen Revolution heraus geformt – so entstand der Citoyen.

Freiheit, Demokratie und Eigentum? Welches Geschichtsbuch von welchem Planeten hat der in der Hand gehabt? Obwohl, der war auf einer katholischen Schule, von da weiß man öfters von gar wundersamen Geschehnissen zu berichten. Hier bei uns auf der Erde war das immer noch liberté, égalité, fraternité. Aber verunsichert hat mich jetzt allerdings doch. Hat er Angst vor der Guillotine oder droht er damit?

Sie [Anmerkung: Diese Idee des geistigen Eigentums] ist im Netz in Gefahr. Nicht weil Bits und Bytes aus sich heraus wie kleine Pacmans an den Ideen und Idealen unserer bürgerlichen Gesellschaft knabbern würden.

Immerhin, er kennt mindestens schon Ausdrucke von Pac-Man. Jetzt fehlt ihm nur noch ein Computer.

Die die totale Freiheit apostrophieren und damit letztlich nur den „digitalen Totalitarismus“, wie es Jaron Lavier genannt hat, meinen. Es ist eine unheilige Allianz aus diesen „digitalen Maoisten“ und kapitalstarken Monopolisten, die hier am Werk ist.

Hier kommt er ins lavieren, er meint wohl den US-Informatiker Jaron_Lanier.

Also, Bürger, geht auf die Barrikaden und zitiert Goethe, die Bibel oder auch Marx. Am besten aus einem gebundenen Buch!

Marx und Bibel, wie passend. Woran merkt man eigentlich ob jemand aus einem gebundenen Buch (warum darf es nicht broschiert sein?) oder vom Bildschirm zitiert?

Natürlich soll niemandem verboten werden, via Twitter seine zweite Pubertät zu durchleben.

An was erinnert mich das jetzt gleich? Achja, ich hab’s: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“.

Wir brauchen den Citoyen, dem Werte wie Freiheit, Demokratie und Eigentum auch im Netz am Herzen liegen.

Also einen Citoyen gibt’s da wohl schon, aber wer will schon wie Ansgar sein?

Was versucht uns nun der Autor mit dieser hevelingischen Dadaistik mitzuteilen? Da der Mann MdB, Jurist und auch ansonsten von schlichtem Gemüte ist, sind naturgemäß Deutungsversuche bei diesem inhaltsleeren Gestammel nur schwer möglich und eine sachliche Auseinandersetzung in dem Punkt für Punkt wiederlegt werden kann, ist hier einfach nicht möglich. Klar wird nur soviel, daß er die Abkommen ACTA, SOPA und PIPA für geeignet hält, technische Rückständigkeit aufrechtzuerhalten. Mit Volldampf vorwärts ins Zurück (Ich fange auch schon an, ist das etwa ansteckend?). Normalerweise ist immer einer der Klassenkasper, nur frage ich mich bei der CDU inzwischen etwas Anderes: Verbirgt sich in der Klasse voller Kasper auch irgendetwas Intelligentes? Es wird sich in den nächsten Tagen zeigen wieviel Widerspruch Kasper Ansgar aus seiner eigenen Partei ernten wird … oder auch nicht … wohl eher nicht … gar keinen, aber dafür viel Zustimmung, wie ich hier mal vermute.

 
Jetzt gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, warum das eher seriöse Handelsblatt einen solchen Text in einem Gastkommentar überhaupt veröffentlicht hat. Thomas Knüwer ist in seinem Blog der Meinung (Das Handelsblatt – der Boulevard-Troll), daß Ansgar Heveling vom Handelsblatt nur dazu benutzt wurde, Aufmerksamkeit zu erzielen um die Klickraten in die Höhe zu treiben. Eine wohlkalkulierte Marketingaktion also, da der Redaktion im Voraus klar gewesen sein muß, welche Reaktionen dieser saublöde Text hervorrufen würde. Die Theorie ist nicht von der Hand zu weisen. Wie auch immer, ob geplante Aktion oder Zufallstreffer, für das Handelsblatt war es jedenfalls ein voller Erfolg, denn Hevelings Lachnummer dürfte einige Zeit Bestand haben.

Knüwer geht aber noch einen Schritt weiter:

Ein wohlmeinender Medienkenner hätte Heveling vor sich selbst beschützt, gerade weil er offensichtlich keinerlei Ahnung vom Web hat. So etwas gehört auch zur journalistischen Integrität. Er hätte ihm gesagt, dass sein Google-Eintrag auf immer versaut sein wird, dass seine Homepage gehackt wird – was prompt geschah.
Es hätte zum Dienst am Leser gehört, solch einen schwachsinnigen Text gar nicht erst abzudrucken. Was kommt als Nächstes? Kim Jong-un über Menschenrechte? Der Papst über guten Sex?

Sollte man dem zustimmen? Ich meine nein! Es ist zwar richtig, daß das Handelsblatt seine Kommentatoren immer mit Bedacht ausgewählt hat, gerade deshalb ist es aber defintiv nicht seine Aufgabe, den Kommentator vor sich selber zu schützen. Immerhin handelt sich auch diesmal bei dem Kommentator nicht um das unterbelichtete Lieschen Müller, sondern um einen unterbelichteten vom Volk gewählten Bundestagsabgeordneten, der noch dazu Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ ist, von dem man erwarten kann, ja sogar muß, daß er weiß was er sagt.

In diesem Sinne müssen wir dem Handelsblatt sogar dankbar sein, daß es ihm die Möglichkeit gegeben hat, seine Meinung an prominenter Stelle wiederzugeben, damit der Citoyen sich selbst ein Bild über seine äh, nunja „Qualifikation“ machen kann. Bei einem von der Redaktion erstelltem Artikel mit diesem Inhalt, wäre dem Handelsblatt nämlich Polemik und Manipulation vorgeworfen worden. Und mal ehrlich, welches Medium — außer Bild & BZ — hätte es sich leisten können einen derartigen Text ohne Rufschädigung auf die eigene Kappe nehmen zu können?

2 Kommentare

  1. […] scheinen gerade der Modetrend zu sein, hier von einflussreichen Spinnern wie Ansgar Heveling (hevelingische Dadaistik), jenseits des Atlantiks in Mexiko mit tödlichem Ausgang (David gegen Goliath). Tweet […]

  2. […] a.D. Brigitte Zypries, dem Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für das Urheberrecht Ansgar Heveling und dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates e.V., Olaf Zimmermann, unter der Moderation von […]

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