Vom Unsinn mit dem Gottesteilchen

In den letzten Tagen waren die Zeitungen voll von Berichten über die angebliche Entdeckung des „Gottesteilchens“, dem Higgs-Boson:

Ob es sich bei der Entdeckung am CERN tatsächlich um das seit rd. 50 Jahren gesuchte Higgs-Boson handelt oder um ein anderes, neues Elementarteilchen mit ähnlichen Eigenschaften muß sich erst noch herausstellen. Tatsache ist jedoch, daß dies das erste große Ergebnis des LHC darstellt.

Selbst das Erzbistum Bamberg unter Leitung von Erzbischof Ludwig Schick ließ es sich nicht nehmen, eine Presseerklärung unter dem Titel „Gott nicht auf ein Elementarteilchen reduzieren — Erzbischof Schick sieht Begriff „Gottesteilchen“ kritisch“ zu veröffentlichen.

Zunächst einmal ist „Gott“ generell kein Begriff der in den Naturwissenschaften eine irgendwie geartete Rolle spielt, denn die Aufgabe der Naturwissenschaften ist es, herauszufinden wie unsere Welt funktioniert und dabei ist Gott weder eine (sinnvolle) Erklärung, noch in sonstiger Weise hilfreich. Dem zweiten Teil des Titels muß man zwar aus naturwissenschaftlicher Sicht beipflichten, allerdings offenbart Herr Schick im weiteren Verlauf der Meldung das übliche Maß an Unwissenheit seines Berufsstandes über die Realität.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat nach den neuen Erkenntnissen der Forscher in Genf davor gewarnt, Gott auf ein Elementarteilchen zu reduzieren. Die Bezeichnung „Gottesteilchen“ für das Higgs-Boson verleite zu dem Missverständnis, das Geheimnis der Schöpfung könne mit der Wissenschaft und dem menschlichen Verstand irgendwann völlig erklärt werden, sagte der Erzbischof der Nachrichtenagentur dapd. […]

Zugleich betonte der Erzbischof, dass auch durch neue Erkenntnisse kein Widerspruch zwischen christlichem Glauben und Wissenschaft entstehe. Gleichermaßen gelte für die Theorie des „Urknalls“ wie auch für das Higgs-Boson, dass ihnen ein göttlicher Schöpfungsakt zugrundeliegen müsse. Schick appellierte an die Wissenschaftler und die Medien, nicht den Begriff „Gottesteilchen“ zu verwenden. Denn dadurch könne der Eindruck entstehen, die Wissenschaft strebe an, die Schöpfung irgendwann im Labor nachbauen oder Gott wie auf dem Seziertisch analysieren zu können.

Der Appell von Herrn Schick geht an die falsche Adresse. Aus den bereits genannten Gründen spricht in der Wissenschaft niemand vom „Gottesteilchen“, sondern vom Higgs-Boson. Der Begriff Gottesteilchen war eine, aus wissenschaftlicher Sicht äußerst dumme und unpassende, Marketing-Idee des Verlages von Leon Lederman, einem Nobelpreisträger, für dessen Buch The God particle – if the universe is the answer, what is the question? Lederman selbst hatte ursprünglich fluchend von „The Goddamned Particle“ gesprochen, weil es sich nicht nachweisen ließ. Es ist nur die Presse mit ihrem unstillbaren Hunger auf Sensationen und griffigen Formulierungen, die permanent den Begriff Gottesteilchen im Munde führt.

Niemand in der Wissenschaft behauptet, daß wir irgendwann alles wissen werden. Wissenschaftlern ist es sehr wohl bewusst, daß es immer offene Fragen geben wird. Im Grunde ist es vielmehr so, daß die Lösung eines Problems dutzende neue Fragen aufwirft. Aber im Gegensatz zu Religionen sind die Naturwissenschaften mit ihren Modellen der Natur das einzig bekannte System, welches überhaupt Erkenntnisse über das Wesen der Natur liefert.

Auch beim letzten Teil seiner Aussage irrt Herr Schick. Es ist eben genau die Aufgabe der Naturwissenschaften die funktionsweise dessen zu ermitteln, was in der Religion als Schöpfung bezeichnet wird. Aus naturwissenschaftlicher Sicht hat es die, von den Religionen in ihren Schriften postulierte, Schöpfung nicht gegeben. Es kann sie (so) auch nicht gegeben haben, da die Widersprüche zwischen Schriften und Realität einfach zu groß sind. Und ja, es geht auch genau darum, Dinge nachzubauen und alles was uns umgibt auf dem Seziertisch zu zerlegen. Dies sind die ureigensten Aufgaben der Naturwissenschaften!

Auch der Philosophieprofessor Dr. Michael Quante von der Westfälischen Wilhelms-Universität vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ sprach sich gegen eine „mystische Überhöhung der Naturwissenschaften“ durch die Verwendung von Begriffen wie Gottesteilchen aus. Zunächst ist merkwürdig, daß die Universität auf ihrer Webseite keine eigene Stellungsnahme von Hr. Quante abdruckt, sondern bei dem Artikel explizit auf das Copyright des Evangelischen Pressedienstes (epd) verweist, anstatt auf der universitätseigenen Seite vertiefende Informationen zum Interview zu geben, noch dazu, da sich das Interview nicht auf der Webseite des epd finden läßt. Das scheint aber System bei der Universität zu haben, denn es nicht der einzige Beitrag auf der Universitätsseite, der nur eine Replik aus der Presse darstellt. Exzellente Arbeit, liebes Cluster!

„Man kann philosophische und theologische Sinndeutungen nicht durch naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse ersetzen.“

Auch ein Philosoph der noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist. Man kann die Sinndeutungen nicht nur durch naturwissenschaftliche Ergebnisse ersetzen, man muß es sogar. Sollen Welterklärungen einen praktischen Nutzen für Mensch und Umwelt haben, müssen sie sich daran messen lassen, in wieweit ihre Aussagen mit der Realität im Einklang stehen. Insbesondere theologische Sinndeutungen stehen nicht nur zu sich selber, sondern auch zur Realität in eklatantem Widerspruch und bieten keinerlei Erkenntnisgewinn. Im Gegenteil, bisher haben sich Religionen immer als Bremser im Prozess der Erkenntnisgewinnung erwiesen.

„Religiöse Einstellungen, philosophisch-theologische Weltdeutungen beantworten Sinnfragen und Orientierungsfragen, während die Naturwissenschaften kausal-funktionale Zusammenhänge erforschen.“ Deswegen könne keine Seite die Probleme und Fragen der anderen beantworten.“

Welchen Sinn soll es haben, den Menschen von der Realität entkoppelte Weltdeutungen zur Orientierung und Sinnsuche anzubieten? Der Mensch ist Teil der Natur und kann sich nicht aus dieser befreien. Er kann aber versuchen, die ihm gesteckten Grenzen auszuloten, um sich innerhalb dieser frei bewegen zu können. Somit muß eine nutzbringende Sinnsuche auch immer zwingend auf die Ergebnisse der Naturwissenschaft zurückgreifen. Gedankenmodelle die der menschlichen Natur widersprechen taugen daher nicht zur Orientierung. Die Naturwissenschaft beantwortet vielleicht nicht die Sinnfrage (was ich persönlich bezweifele), aber ohne die Naturwissenschaft kann es auf diese Frage erst recht keine Antwort geben.

Zum Abschluss noch auf ein Wort, liebe Medien!
Ihr solltet endlich anfangen zur Kenntnis zu nehmen, daß die Säkularisierung in der Gesellschaft immer weiter fortschreitet und religiöse Begriffe zur Beschreibung naturwissenschaftlicher Phänomene nicht nur untauglich sind, sondern auch die Artikel nicht unbedingt lesenswerter machen. Außerdem bietet die Wissenschaft selbst genug spannendes Material mit dem passenden Vokabular um hochinteressante Artikel zu schreiben. Der Mangel an naturwissenschaftlichen Kenntnissen in der Gesellschaft ist ohnehin erschreckend hoch, da schaden solche mystisch-unsinnigen Verweise nur noch mehr.

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