Welt jenseits des Verstandes

Der „Die Welt“-Journalist Ansgar Graw hat sich gerade für die Auszeichnung „Das goldene Brett“ im nächsten Jahr beworben, denn anders ist sein vollkommen absurder Artikel „Die betörende Nahtoderfahrung eines Hirnexperten“ [1] nicht zu erklären. Aufhänger sind die, in dem Buch „Proof of Heaven“ veröffentlichten, Erfahrungen des Neurochirurgen Eben Alexander während seines siebentägigen Komas auf Grund einer seltenen Form von Meningitis. Seit jener Zeit glaubt Eben Alexander an ein tatsächliches Weiterleben des Bewusstseins nach dem Tod. Ansgar Graw ist sich nicht zu schade diesen offenkundigen Blödsinn auch noch mit eigenen Worten zu verbreiten, ohne die Widersprüche in seinem eigenen Artikel auch nur ansatzweise zu bemerken.

Zunächst ist die Rede davon, daß die Mortalität der Erkrankung bei 97% läge. Dies besagt, daß von 100 Erkrankten 97 sterben und nur 3 überleben. Da Hr. Alexander jetzt von seinen Visionen während der Erkrankung in einem Buch berichten kann, gehört er offensichtlich zu den Glücklichen 3%, doch Ansgar Graw hält dies für ein Wunder:

Wunder sind offenkundig möglich. Die vollständige Gesundung eines Patienten von einer Infektion, die als tödlich galt und zumindest dauerhafte Behinderung nach sich zu ziehen drohte, ist ein von Medizinern beurkundeter Beweis dafür. Den Himmel und die Engel hat nur Eben Alexander gesehen.

Die Infektion gilt eben „nur“ mit 97%iger Wahrscheinlichkeit als tödlich und das Überleben ist mit Sicherheit kein „beurkundeter“ Beweis für ein Wunder. Außerdem ist man entweder tot oder dauerhaft behindert, beides zusammen wäre allerdings tatsächlich ein Wunder. Man könnte natürlich auch den Tod selbst als dauerhafte Behinderung auffassen.

Das Hr. Alexander während seiner Erkrankung Phantasien, Visionen oder Träume hatte, hat auch nichts mit einem Leben nach dem Tod zu tun, denn er war zu keinem Zeitpunkt tot. Er mag nahe dran gewesen sein, aber er hatte diese ultimative Grenze eben niemals überschritten. Es besteht daher auch kein logischer Grund die Visionen, von denen nicht mal feststeht, zu welchem Zeitpunkt — vor, während oder beim Verlassen des Komas — er sie tatsächlich hatte, in Verbindung zu einem postulierten Leben nach dem Tode zu bringen.

Etwas anderes hingegen fällt Hr. Graw ebenfalls nicht auf, wenn er schreibt:

Der renommierte Harvard-Hirnexperte Eben Alexander tat Nahtoderfahrungen voller Licht und Musik immer als Phantasien ab. Bis er selbst ins Koma fiel.

Das bedeutet, daß Hr. Alexander seine Patienten wohl einfach nicht ernst genommen hat, bis er selbst ähnliche Erfahrungen hatte. Dieses Verhalten spricht nicht gerade für dessen ärtzliche Qualitäten. Warum sollten Patienten keine solche Visionen haben können? Es gibt nichts was dagegen spricht, im Gegenteil. Einerseits träumt jeder Mensch — und nicht nur Menschen träumen — während er schläft und manchmal erscheinen diese Träume als sehr real. Andererseits ist bekannt, daß sich das Gehirn bei Reizentzug selbst stimuliert, wodurch Wahrnehmungseindrücke entstehen. Warum sollte es also bei einem in Mitleidenschaft gezogenen Gehirn auf Grund von Fehlfunktionen, bspw. durch Sauerstoffmangel, nicht ebenfalls zu solchen vermeindlichen Sinneseindrücken kommen können, die Fähigkeit dazu besitzt das Gehirn zweifelsohne.

  1. Die betörende Nahtoderfahrung eines Hirnexperten, Die Welt (Online), 26.10.2012
    http://www.welt.de/vermischtes/article110284211/Die-betoerende-Nahtoderfahrung-eines-Hirnexperten.html

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