Eine graue, gesichtslose Armee

Ich hatte hier im Blog vor längerer Zeit schon mal geschrieben, daß meiner Meinung nach — obwohl ich noch nie auch nur in Erwägung gezogen habe eine Konservative Partei zu wählen — bei den Konservativen die Meinungsfreiheit deutlich größer ist, als im links-grünen Lager. Bei den Konservativen hat man zwar recht feste Vorstellungen, aber eine Diskusssion von unterschiedlichen Auffassungen ist dort tatsächlich möglich und nicht mal im Ansatz mit dem Versuch verbunden bei abweichender Meinung die bürgerliche Existenz zu zerstören. Im Gegensatz dazu auf rot-grüner Seite. Eine jede Diskussion abseits der vorgegebenen Spur wird bereits im Ansatz abgewürgt, im Zweifelsfalle hilft dabei die Nazikeule, unabhängig davon, wie sinnvoll sie im jeweils vorliegenden Falle auch sein mag. Hinzu kommt noch die Tatsache, daß der Gebrauch des Nazivorwurfs auch eine eklatante Verharmlosung der damaligen Geschehnisse darstellt.

Mir jedenfalls kommen die Rot-Grünen immer wie ein Trupp Anstreicher vor, die sich den Auftrag gegeben haben das Gebäude kunterbunt anzumalen. Dazu holen sie sich alle nur erdenklichen unterschiedlichen Farbtöne herbei, kippen diese alle zusammen in einen Tank, rühren äußerst intensiv um und streichen dann damit das Gebäude. Wenn dann jemand kommt und sagt, daß ist jetzt aber nicht bunt, sondern sieht einfach nur Scheiße aus, rasten sie aus, weil es jemand wagt anderer Meinung zu sein.

Offenbar bin ich nicht er Einzige der dies so sieht, denn die Zeit hat gerade ein Interview mit dem Schriftsteller Maxim Biller, „Eine graue, gesichtslose Armee“ veröffentlicht, in dem er kräftig gegen die 68er vom Leder zieht.

Biller: Die 68er, mit denen ich zu tun hatte, waren absurd autoritär. Ich habe bei sogenannten Konservativen viel mehr Liberalismus erlebt. Bayern gilt ja als autoritär, das ist Blödsinn. Es geht dort viel anarchischer und liberaler zu als in all diesen spießigen Städten wie Hamburg.

[…]

ZEIT: Nennen Sie doch bitte ein paar dieser Glaubenssätze.

Biller: Schwarze und Weiße sind gleich. Nein, das sind sie eben nicht, aber sie haben die gleichen Rechte. Dann: Frauen müssen bevorzugt werden, damit sie endlich mal im Beruf oben ankommen. Nein, Frauen sollen nicht bevorzugt werden, Frauen sollen nicht benachteiligt werden. Ich vermute sogar, dass so etwas wie die Anti-Impf-Bewegung aus diesen Dogmen entstanden ist.

Die Gängelungs- und Verbotspartei der Grünen. Wehe jemand hat in alternativen Kreisen die falschen Klamotten an, die falsche Frisur, isst das Falsche etc. pp. Die Bindung der Akzeptanz einer Person an reine Äußerlichkeiten ist enorm, genau Jenes welches sie bei Anderen immer als Schubladendenken verurteilen, haben sie für sich selbst perfektioniert. Es gibt keine größeren Spießer als die alternative Klientel. Das Grundproblem ist, daß sich die Mitglieder nicht nur permanent als Stammesmitglieder unter ihresgelichen zu erkennen geben wollen, sondern müssen, was zu einem enormen Gruppendruck führt, da Abweichungen mit Liebesentzug geahndet werden. Gutbürgerliche Kreise sind nach meinem dafürhalten hier insgesamt wesentlich weniger restriktiv, so lange sie nicht direkt angegriffen werden. Sie rümpfen zwar die Nase, geben ihren Unmut auch zu erkennen, aber wie gesagt man zielt nicht sofort auf die Vernichtung der bürgerlichen Existenz des Abweichlers.

Die Anti-Impfbewegung ist ein Resultat einer tiefsitzenden irrationalen Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit, in Verbindung mit der Weigerung sich intensiv sachbezogen mit dem Problem zu befassen, daher auch der Hang zu esoterischen Glaubensystemen (Homöopathie, Anthroposophie). Hinzu kommt eine erhebliche Portion Arroganz sich als Teil der besserverdienenden Schicht nicht nur für gebildet zu halten, sondern vor Allem sich im Besitz von höheren Wahrheiten des Seins zu wähnen. Man hält sich schlicht für den besseren Menschen und sich damit für berechtigt wann immer möglich, die noch unwissenden Schäflein zu missionieren. Im Zweifelsfalle eben mit Gewalt.

ZEIT: Das klingt bei Ihnen so, als sei 68 an allem schuld.

Biller: Sehen Sie sich doch das große Elend des Journalismus heute an. Überall in den Redaktionen, auch in Universitäten, sitzen Leute, die jede Form von Individualismus verhindern wollen, sie mögen es nicht, wenn einer nicht wie sie ein Wolf-Schneider-Roboterdeutsch schreibt oder wirre Heidegger-Sätze formuliert. Sie mögen es nicht, wenn er eigene Gedanken hat. Sie mögen es nicht, dass er seine eigene nicht deutsche Herkunft zum Leitmotiv seiner Arbeit macht. Das ist keine Verschwörung, sondern etwas ganz anderes: Alle sind gleich, stammen aus ähnlichen sozialen Milieus. Und wenn alle gleich sind, denken auch alle gleich. Im Jahr 1989 trugen auch der Fall der Mauer und die Elefantenhochzeit zwischen Kapitalismus und Kommunismus dazu bei, dass wir eine völlig gesichtslose Gesellschaft bekommen haben.

ZEIT: Und was hat das mit 1968 zu tun?

Biller: Es gibt heute gesellschaftliche Übereinkünfte, einen Mitte-links-Konsens, gegen den man nicht verstoßen darf. Schon in meinen ersten Tempo- Kolumnen schrieb ich, dass Menschen aus verschiedenen Ländern unterschiedlich sind. Natürlich ist ein Italiener anders als ein Pole. Dies zu leugnen bedeutet: es demjenigen, der nicht ganz so schlau ist, schwer machen, etwas Entscheidendes zu verstehen – dass nämlich dieser Unterschied nicht bedeutet, Italiener oder Polen zu verachten. Das Leugnen von Unterschieden, das gut gemeint sein mag, aber total ideologisch ist, führt dazu, dass der Rassismus einfacher Leute immer stärker wird. Oder nehmen Sie – heute – die Flüchtlingsfrage: Natürlich kamen andere Leute nach Deutschland, als wir es sind. Aber man konnte in der ersten Zeit, als Tausende Flüchtlinge in Deutschland eintrafen, über diese schlichte Feststellung nicht mit Kollegen reden, ohne dass die Kollegen durchgedreht wären. Inzwischen fällt immer mehr Leuten auf, dass man nicht einfach die Tür aufmacht, und es kommen Vertriebene aus Schlesien oder dem Sudetenland herein wie nach dem Krieg. Viele Flüchtlinge aus arabischen Ländern haben ein anderes Verhältnis zu Frauen und zu Juden. Sprach man das aus, löste man bereits ein brutales Geschrei aus. Dann war man sofort ein Rassist.

Das halte ich für eine exakte Zustandsbeschreibung, nur betrifft dies eben nicht mehr nur die langsam ins Alter kommenden 68er, sondern noch vestärkt die nun folgende Generation, denen eigenständiges Denken ziemlich abhold ist.

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