Mit Homöopathie gegen Senfgas

In den Kriegsjahren 1941-1942 gab es in Großbritannien eine Zusammenarbeit zwischen dem Heimatschutzministerium und der British Homoeopathic Society zur Klärung der Frage, ob Homöopathie gegen Senfgas, ein äußerst toxisches und karzinogenes Hautgift, tödlich bei Inhalation durch Zerstörung der Bronchien, welches zuerst im 1. Weltkrieg als chemischer Kampfstoff eingesetzt worden ist, wirksam ist. Ausgehend von den Erfahrungen des 1. Weltkrieges bekamen Forschungen zu Prophylaxe und Behandlung von Senfgasvergiftungen oberste Priorität. Im Rahmen dieser Untersuchungen fragte das Heimatschutzministerium beim Rat der britishen homöopathischen Gesellschaft an, ob sie wissenschaftliche Erkenntnisse zu Homöopathika habe, die als Gegenmittel bei Senfgasintoxikationen eingesetzt werden könnten. Der Rat verneinte dies, teilte aber mit, daß Therapeuten bereit wären entsprechende Homöopathika herzustellen. Gleichzeitig unterbreitete man dem Ministerium einen Vorschlag für ein entsprechendes Forschungsprogramm, sofern dieses vom Ministerium gefördert werden würde. Allerdings hat der Rat diese Entscheidung nicht einstimmig getragen. Der Präsident, John Paterson, war der Meinung Homöopathie würde entsprechende Tests erfolgreich bestehen, wohingegen andere Mitglieder der Meinung waren, negative Ergebnisse könnten die Stellung der Homöopathie im nationalen Gesundheitswesen (National Health Services, NHS) gefährden.

Nach Rücksprache mit seinen wissenschaftlichen Beratern gab es vom Ministerium grünes Licht für entsprechende Versuchsreihen am Menschen. Dafür wurde für die Koordination der Untersuchungen in Glasgow und London unter der Leitung von John Paterson und W. Lees Templeton eine Arbeitsgruppe, das Gas Research Committee, an der homöopatischen Gesellschaft gebildet.

Als Homöopathika zur Behandlung kamen Senfgas, Rhus toxicodendron (Giftefeu oder eichenblättriger Giftsumach), Kali bichromicum (Kaliumbichromat), Opium, Cantharides (span. Fliege) und Variolinum (Nosode der Windpocken) jeweils in der Potenz C30 (1:1060) und zur Prophylaxe Senfgas und Giftefeu, ebenfalls in C30, zum Einsatz. Genaugenommen war der Versuchsansatz zur Prophylaxe schon damals falsch, da es nach den eigenen Grundsätzen der Homöopathie prinzipenbedingt keine prophylaktische Wirkung geben kann, da die zu bekämpfenden Symptome bereits vorhanden sein müssen.

Die Probanden der Glasgower Versuchsreihe sollten sich nach unterzeichnen einer Einverständniserklärung selbstständig zu Paaren ungefähr gleichen Alters und pyhsischer Erscheinung zusammenfinden. Einer eines jeden Paares sollte frei ein mit einer Nummer versehenes Probenröhrchen, welches entweder ein Placebo oder ein Homöopathikum enthalten konnte, wählen. Der jeweilige Partner musste dann ein Probenröhrchen mit der direkt darüber oder darunter liegenden Nummer an sich nehmen. Das impliziert natürlich, daß die Proben wechselweise ein Placebo und Homöopathikum enthielten. Unmittelbar nachdem jeder Proband den Inhalt seines Probenröhrchen zu sich genommen hatte, wurde ihm unter standardisierten Umgebungsbedingungen ein Tropfen von 2 mm Durchmesser einer 10%igen Lösung Senfgas in Benzol auf den Unterarm geträufelt. Der Verlauf wurde über vier Wochen medizinisch dokumentiert, inkl. eines Fotos am siebenten Tag. Die Ergebnisse nach Auftreten und Schwere der Hautläsionen schwankte stark, so daß das Ministerium zu dem Schluss kam, die Unterschiede seien inkonsistent und kaum erwähnenswert, wohingegen der Rat sie als vielversprechend einstufte.

Bei der Londoner Versuchsreihe gab es mit insgesamt 127 therapierten Probanden und 113 Placeboprobanden deutlich mehr Teilnehmer als die 40 (13 davon traten nach Abheilung ein zweites Mal an), Teilnehmer der Glasgower Reihe. Die genaue Prozedur der Zuteilung zur Placebo- oder zur Therapiegruppe sind jedoch nicht bekannt, aber die Experimentatoren hielten den Zuordnungsschlüssel bis nach dem Ende der Messungen unter Verschluss. Auch die zwei untersuchenden Beobachter hatten keine Kenntnis, zu welcher Gruppe der jeweilge Proband gehörte. Die Versuchsergebnisse wurden zur unabhängigen statistischen Analyse an ein Unternehmen gesandt. Dieses kam zu dem Schluss, daß in der Kontrollgruppe die Hautläsionen weniger ausgeprägt waren.

Vierzig Jahre später wurden die Ergebnisse beider Versuchsreihen von einem Statistiker und einem Homöopathen erneut analysiert. Sie kamen zu dem Schluss, daß es unwahrscheinlich sei, daß die gemessenen Unterschiede in Glasgow zufällig zu Stande gekommen sein sollten, wohingegen sie die statistische Auswertung der Ergebnisse der Londoner Versuchsreihe bemängelten, da der verwendete χ2-Test für die geringe Fallanzahl in den Untergruppen ungeeignet gewesen war.

Wie dem auch sei, der Ansatz wurde vom Heimatschutzministerium nicht weiter verfolgt. Die Glasgower Ergebnisse waren bereits vor der Veröffentlichung 1943 durch die homöopathische Gesellschaft vom Ministerium verworfen worden. Bei der Londoner Versuchsreihe vermutete das Ministerium fehlerbehaftete Versuchsbedingungen. Nicht bekannt ist, aus welchen Gründen genau das Projekt vom Ministerium eingestellt wurde und bleiben rein spekulativ.

Bemerkenswert an der Versuchsanordnung ist hingegen, daß diese mit Blindversuchen, Kontrollgruppe, Placebogabe und ausgelagerter statistischer Auswertung für die damalige Zeit ausgesrochen fortschrittlich war und bereits damals viele Elemente enthielt, die erst Dekaden später in die medizinische Forschung einflossen.

Literatur

  1. The mustard gas experiments done by the British Homoeopathic Society for the Ministry of Home Security, 1941–1942. M. E. Dean. J. Roy. Soc. Med. 2014, 107 (11): 453-455, DOI: 10.1177/0141076814521937, PubMed #25377737
  2. Editorial. Br. Homoeopath. J. 1943, 33: 1-2
  3. British Homoepathic Society. Report on mustard gas experiments (Glasgow and London) by the Special Sub-committee of the British Homoeopathic Society to the Ministry of Home Security. Br. Homoeopath. J. 1943, 33: S1-S12.
  4. Nachdruck:
    Report on mustard gas experiments (Glasgow and London) 1943. Special Sub-committee of the British Homoeopathic Society to the Ministry of Home Security. Homeopathy 2011, 100 (1-2): 27-35, DOI: 10.1016/j.homp.2011.02.006, PubMed #21459296

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