Nur von Brot und Energydrinks

In Anbetracht der zugegebenermaßen dramatischen Bilder (s.u.) vom Flughafen in Kabul und der inzwischen schon üblichen Zurschaustellung von Erklärungen zur Verantwortung Deutschlands gesellt sich die mediale Unterfütterung mit allerlei tränenreichen Geschichten, damit im Bad der Emotionen nicht etwa Zweifel an der Richtigkeit des nun fast schon prophylaktischen Schuldkults aufkommen.

Zu einer dieser Geschichten aus Afghanistan gehört ein Gastbeitrag in der linken Genderpostille Frankfurter Allgemeine von Chris Nyamandi, dem Landesdirektor für Save the Children in Afghanistan:

Allein seit Ende Mai hat sich die Zahl der durch den Konflikt in Afghanistan vertriebenen und hilfsbedürftigen Menschen mehr als verdoppelt. Über eine halbe Million Afghanen wurden innerhalb Afghanistans vertrieben – mehr als 330 000 sind Kinder. Diese Familien leben unter freiem Himmel, unter Planen ohne Zugang zu Nahrungsmitteln oder medizinischer Versorgung. Viele versuchen verzweifelt, zum Flughafen zu gelangen, um jeden Preis.

Handelt es sich dabei wirklich um Vertreibungen im Sinne des Wortes oder doch eher größtenteils um Wirtschaftsflüchtlinge (eben weil um jeden Preis und mit großer Mehrheit junge Männer)?

Angesichts der steigenden Lebensmittelpreise und des drohenden Zusammenbruchs des Bankensystems spitzt sich die Lage immer mehr zu. Wir sprachen mit Familien, die nur von Brot und Energydrinks leben – die einzigen Lebensmittel, die sie sich leisten können.

Offenbar klappt die Versorgung mit Energydrinks, die nahrhafte Hopfenkaltschale wurde ja rechtzeitig gerettet, in Afghanistan noch problemlos. Ohne jegliche weitergehende Erläuterung, soll man nun glauben, daß in Afghanistan ausgerechnet Energydrinks zu den peiswertesten „Nahrungsmitteln“ gehören? Es gibt gerade in Krisenzeiten merkwürdige Ereignisse und Konstellationen, aber gerade bei derartigen Absurditäten erscheint eine Erklärung doch zwingend notwendig.

Anmerkung: Ist es ein Wahrnehmungsfehler meinerseits und erscheint es nur mir so oder gibt es tatsächlich im Zeitalter von Mobiltelefonen und instant messaging sowie anscheinend funktionierendem Internet vergleichsweise wenig Bilder aus Afghanistan, insbesondere von jenseits des Kabuler Flughafens? So ganz ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß wir nur die Hälfte der Geschichte, nämlich nur die, die wir sehen sollen, zu sehen bekommen.

Nachtrag 26.08.2021:

Zumindest die westliche Presse hält man wenn möglich auf Distanz:

Das knappe Dutzend Reporter, das darüber berichten wollte und in Kabul landete, haben die Amerikaner umgehend ausgewiesen. „Unter Androhung von Militärpolizei“, teilte der stellvertretende Chefredakteur der Bild-Zeitung, Paul Ronzheimer, am Mittwoch auf Twitter mit, hätten die Amerikaner ihn und zehn weitere Journalisten gezwungen, ein Flugzeug nach Qatar zu nehmen.

[…]

Die freie Reporterin Stefanie Glinski, die für den englischen Guardian und für verschiedene deutsche Medien (darunter auch die F.A.Z.) berichtet hat, schrieb auf Twitter, die Amerikaner hätten die elf Journalisten am Flughafen festgehalten. Ohne einen sicheren, von den Qataris organisierten Konvoi hätten die Amerikaner den Journalisten nicht erlauben wollen, den Flughafen zu verlassen. Fortwährend änderten sich die Vorgaben, schließlich seien die Journalisten zur Abreise gezwungen worden.

So ganz unverständlich ist das Vorgehen nun auch wieder nicht, denn wenn den eingeflogenen Journalisten etwas passiert wäre, hätte man die Militärs verantwortlich gemacht und die hatten dort etwas Anderes zu tun als Kindermädchen für herumschnüffelnde Journalisten zu spielen.

Interessant wäre noch zu wissen, weshalb man sie gerade nach Katar, dem Exil der Talibanführung, expediert hat. Waren das die einzigen zivilen Flugzeuge, die Kabul noch anflogen?

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