Sprachen des 21 Jahrhunderts

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich in einem Gespräch mit der Rheinischen Post (RP) mal wieder versucht als fortschrittlich darzustellen, in dem er Programmiersprachen zu den Sprachen des 21. Jahrhunderts erklärt.

„Programmiersprachen gehören zu den Sprachen des 21. Jahrhunderts“, sagte Gabriel unserer Zeitung. Es gebe viele Wege, wie man Kinder und Jugendliche für das Programmieren begeistern könne – der Schulunterricht sei nur einer davon. „Für mich wäre eine der Möglichkeiten, Programmiersprachen als zweite Fremdsprache in Schulen anzubieten.“

… und ich bin dafür „Denken für Politker“ als Erstfach anzubieten.
Ich kann mir nicht helfen, aber so wie ich Gabriels sonstiges Geschwätz kenne, habe ich den Eindruck, Gabriel hält Programmiersprachen tatsächlich für Sprachen, in denen sich Menschen miteinander unterhalten. Ich traue ihm den rein metaphorisch gemeinten Gedankengang eine Programmiersprache als zweite Fremdsprache aufzufassen intellektuell einfach nicht zu.

Weiterhin stammt die Idee wohl auch nicht von Gabriel, denn bereits im März 2014 äußerte unsere grandiose Internetbotschafterin, die Händis mit Glitzerfolie und Fell beklebende Designerin Gesche Joost, in der Welt ihre Wunsch, Programmieren als Unterrichtsfach ab der Grundschule angeboten zu sehen:

Meine Traumvorstellung wäre das Unterrichtsfach Programmieren ab der Grundschule. Es ist wichtig, früh zu verstehen, dass das Internet kein Ort allein des Konsums ist, sondern etwas, das man selber gestalten kann. Die Programmiersprachen werden ja immer einfacher.

Programmiersprachen waren noch nie wirklich kompliziert, nur oft schlecht konzipiert (bspw. Nullstringterminierung) mit der Folge von schwerwiegenden Sicherheitsproblemen, von denen wir fast täglich in den Nachrichten hören. Die Idee, jeder sollte Programmieren könen, geistert überhaupt seit einiger Zeit herum. Das kann ganz schnell in die Hose gehen. Die Grundlagen des Programmierens kann man sich zwar sehr schnell aneigenen und man kommt mit ein paar Zeilen Programmcode durchaus schnell zu brauchbaren Ergebnissen, d.h. aber nicht, daß die entstandenen Programme gut und sicher sind. Wir brauchen daher nicht jede Menge Leute die schon mal eine Codezeile gesehen haben, sondern eine vernünftige Berufsausbildung — auch an den Informatikfakultäten —, in dere sicheres Programmieren gelehrt wird. Passend dazu die Meldung von heute „Tausende Apps zu unsicher für Einsatz in Unternehmen“ und das wird bestimmt nicht dadurch besser, daß jedermann mit Grundschulwissen herumprogrammiert. Genau hier fängt die Kunst des Programmierens an. Schon heute sind viele Programme derart komplex und umfangreich, daß selbst gestandene Programmierer nicht mehr auf Anhieb durchsteigen. Es ist daher bei Weitem nicht damit getan den Kindern in der Grundschule mal eben ein paar Grundzüge beizubringen. Vernünftiges Programmieren ist Arbeit und gehört in die entsprechende Berufausbildung. Überhaupt erscheint mir die Idee mehr der unlautere Versuch zu sein, berufsbildende Elemente in die Schule zu tragen. Wir brauchen aber dringend ein Schulsystem, welches eine breitgefächerte Grundbildung zum Ziel hat, denn es gibt auch noch Dinge außerhalb der digitalen Welt, die es zu wissen gilt. Natürlich spricht nichts dagegen, wenn einzelne Schulen in den höheren Klassen Informatikkurse anbieten.

Außerdem erscheint es mir wenig sinnvoll, weiteren Stoff in die Schulen zu tragen wenn der, der jetzt bereits gelernt werden soll nicht mehr vernünftig vermittelt werden kann, auch weil das Bildungssystem kaputtgespart wird. Einerseits will man nichts investieren, andererseits würden für ein solches Ansinnen massiv Informatikleherer benötigt werden, welche aber nicht auf den Bäumen wachsen. Gebt den Kindern in kleinen Klassen eine vernünfíge schulische Bildung in Naturwissenschaften, zwei Fremdsprachen und Deutsch, alles durchsetzt mit dem Ziel das kritische Denken zu erlernen. Dabei kommt die Medienkompetenz fast von alleine hinzu. Und werft endlich den Religionsunterricht aus den Schulen raus, Märchenerzählerei ist keine Bildung. Das Sparen im Bildungssytem ist meines Erachtens überhaupt DAS Problem. Ich bin zwar kein Verfechter des dreigliedrigen Schulssystems, aber ich bin nicht der Meinung, daß die Dreigliederung die Ursache des Problems ist, sondern der Geld- und Personalmangel, nur versucht die Politik — vorneweg die SPD — die strukturellen Defizite genau damit zu begründen, um ihre finanziell ebenso schlecht ausgestatteten Reformschulen durchdrücken zu können. Die Politik selbst ist hochgradig bildungsfeindlich, wenn die Wissensvermittlung moderner Erkenntnisse der Parteiideologie zuwiderläuft.

Aber den Wirtschaftsminister quälen noch ganz andere Sorgen, wie er der RP verriet.

Der Wirtschaftsminister fürchtet, deutsche Unternehmen könnten gegenüber dem schnellen digitalen Wandel in den USA ins Hintertreffen geraten. Nach Umfragen spielt bei etwa der Hälfte des deutschen Mittelstands die Digitalisierung bislang keine Rolle.

Wir können nicht nur ins Hintertreffen gelangen, sondern in allem was die Digitaltechnik betrifft sind wir bereits lange abgehangen! Nur hat das mit den fehlenden Programmierkenntnissen von Grundschülern nichts zu tun. Der Mittelstand hat die Digitalisierung schlicht verschlafen, mit der Folge, daß wir in diesem Bereich ein unterentwickeltes Land sind und ohne Importe in diesem Bereich hier alles still stünde.

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