Was wenn Ungeimpfte „alle“ sind?

Vielerorts wurden dieser Tage neue Maßnahmen gegen die Ausbreitung von SARS-CoV-2 geschaffen, die sich im Wesentlichen gegen Ungeimpfte richten, sie sollen dadurch, ähnlich wie die Frauen bei den Taliban, aus dem öffentlichen Leben nahezu vollständig verdrängt werden.

Im Grunde beruht die Rechtfertigung dieser Maßnahmen auf der Annahme, daß mit Verschwinden von Ungeimpften (sei es durch Impfung, sei es durch Aussterben) mit ihnen auch das Virus verschwindet. Nun, das wird sich zeigen (meine persönliche Auffassung dazu: Riesenirrtum), aber gibt es einen „Plan B“ in den jeweiligen Regierungen? Medial und politisch ist man sich fast einig, wir haben eine Pandemie der Ungeimpften (Jens Spahn, geschäftsführender Bundesgesundheitsminister), gar eine Tyrannei der Ungeimpften (Frank Ullrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, bei Anne Will), denn Ungeimpfte seien wie Deserteure und im Kriege würden solche an die Wand gestellt oder wenn nicht erschossen so doch zumindest hart bestraft (Roberto Dipiazza, Bürgermeister von Triest).

Nun wäre es ja nicht das Erste Mal im Verlaufe dieser Pandemie, daß es, erstens anders und zweitens als man dachte kommt. Nur mal ein Beispiel:

„Wenn alle ein vollständiges Impfangebot erhalten haben und die Impfung vor schweren Verläufen auch neuerer Varianten schützt, müssen wir unsere Corona-Maßnahmen schrittweise wieder zurücknehmen“, sagte Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) der „Welt am Sonntag“.

Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte sich jüngst für eine Aufhebung aller Corona-Einschränkungen ausgesprochen, sobald alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot bekommen haben. Damit sei im Laufe des Augusts zu rechnen.

Das war im Juli 2021, davon ist schon lange keine Rede mehr. Nun verfolgt man mehr den Plan von Die Linke:

Die Linke erteilte weiteren Lockerungen dagegen eine Absage. Lockerungen seien dann richtig, wenn ein Großteil der Bevölkerung vollständig geimpft sei – erst dann sinke das Risiko schwerer Krankheitsverläufe, sagte Co-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow der Nachrichtenagentur dpa. „Doch diese Zeit ist noch nicht gekommen.“ Es brauche ein Moratorium – also einen Aufschub – weiterer Lockerungen, forderte sie. „Nur so gewinnen wir die Zeit, die nötigt ist, damit mehr Menschen den vollen Impfschutz bekommen, bevor die vierte Welle einschlägt.“

Nehmen wir also einmal rein hypothetisch an, der Politik gingen tatsächlich die Ungeimpften aus (gut diese entstehen ja spontan nach ein paar Monaten immer wieder neu, da die Impfung dann abgelaufen ist und der Impfling wieder ungeimpft ist), aber die Pandemie läuft weiter. Wie sieht in diesem Fall „Plan B“ aus? Momentan braucht die Politik jedenfalls Ungeimpfte wie der Fisch das Wasser, damit ihre Rechtfertigungsstrategie für Einschränkungen weiter aufrechterhalten werden kann.

3 Kommentare

  1. Charlie sagt:

    Ich glaube Sie treffen die falschen Annahmen. Warum sollte man die Maßnahmen aufrecht erhalten wollen? Keiner will das, jedoch hat nun mal die Politik die Pflicht und das erwarte auch ich persönlich, dass das Gesundheitssystem nicht überbelastet wird. Und genau hier sind ungeimpfte ein Problem. Schauen Sie sich mal Länder mit einer niedrigeren Impfquote an. Nehmen wir mal Russland. Ca. 40% geimpft und im Schnitt ca. 1200 Tode jeden Tag. Bei ca 40.000 erkannten neuen Fällen. Wollen Sie solche Zustände?

    Als Gegenbeispiel kann Portugal dienen mit ca 89% geimpft und nur 10 Todesfällen zumindest gestern.
    Impfen hilft und ist eine sichere Methode. Russland ist hier Opfer seiner selbst geworden, durch eine Medienkampagne gegen westliche Impfstoffe, konnte man in der eigenen Bevölkerung noch weniger Vertrauen in die Impfung schaffen und nun wird es wohl in Russland einen neuen Lockdown samt Impfpflicht geben. Das will hier in Deutschland niemand, nicht die Bevölkerung und auch nicht die Politik. Warum auch?

  2. @Charlie

    Meiner Ansicht nach fokussiert man sich zu sehr auf die Ungeimpften als die allein Schuldigen und rechnet nicht mit der Möglichkeit, daß auch mit Durchimpfung die Pandemie erhalten bleibt, mit der Folge, daß es keinen „Plan B“ gibt. Realistisch betrachtet, sieht es momentan danach aus als ob wird in einen ca. Sechsmonatszyklus von Nachimpfungen eintreten.

    Es wird zwar betont daß die Pandemie im März vorbei sei, aber ich glaube nicht, selbst wenn so kommen sollte, daß die Maßnahmen dann vollständig zurückgefahren werden. Die Erfahrung lehrt, daß staatlich angeordnete freiheitseinschränkende Maßnahmen grundsätzlich („… man kann ja nicht ausschließen …“) eine ziemliche Beharrlichkeit haben, teilweise auch mit Unterstützung der Bevölkerung. Bereits jetzt kenne ich Leute persönlich, die grundsätzlich für die Beibehaltung einer Maskenpflicht sind. Begründet wird dies mit der Unerzogenheit der Leute, die einen Anniesen/-husten (was ja durchaus zutrifft).

    Übrigens wurde bei allen größeren Maßnahmen der Merkelregierung — auch jenseits von Corona — auf ein wesentliches Element verzichtet: Eine Austrittsbedingung. Die Eurorettung ist so ein Beispiel. Der Euro soll gerettet werden, es wurde aber nie konkretisiert wieviel wir uns das kosten lassen wollen. Es läuft auf ein „unter allen Umständen, egal was es kostet“ hinaus. Das ist ein grundsätzliches Manko der Politikakteure. Ob Afghanisteneinsatgz, Coronapandemie, Eurorettung, Bankenkrise, Migrantenkrise u.s.w. es fehlt immer die a priori festgelegte Abbruchbedingung zu Maßnahmen.

  3. Bill Miller sagt:

    @Feuerwächter: Korrekt. Es wird keine „Ungeimpften“ mehr geben. Das Virus mutiert, rasch, und daher wird es immer jemanden geben der die letzte Booster-Impfung noch nicht bekommen hat.
    Dazu kommt, dass diese Gruppe einen idealen Sündenbock darstellt („Ohne die sturen Antivaxxer könnten die Ausgangsbeschränkungen schon lange aufgehoben werden!“).
    Das ist das 1984 Szenario.

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