Homöopathie stiehlt niemandem die Butter vom Brot

Prof. Dr. Dr. Harald Walach vom Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften (INTRAG) an der Viadrina in Frankfurt/Oder („Hogwarts an der Oder“) hat am 29 Jan in einem Blogeintrag mal wieder seinen Gedanken freien Lauf gelassen:

Ich wundere mich immer darüber, warum die Homöopathie, ein eigentlich belangloses Pflänzchen im medizinischen Urwald, so viel leidenschaftlichen Widerstand bei den Zeitgenossen erzeugt. Faktisch ist die Homöopathie wirtschaftlich nicht bedeutsam. Ihr Marktanteil wird auf unter 2 Prozent geschätzt. Vieles von dem, was Homöopathen tun, zahlen die Menschen aus eigener Kasse. Nirgendwo in den medizinischen Fakultäten stiehlt irgendein Homöopath einem konventionellen Kollegen die Butter vom Brot. Und dennoch wird kaum etwas so leidenschaftlich bekämpft von Kritikern, Skeptikern und selbst ernannten Aufklärern und Spezialisten wie die Homöopathie. […]

Nun, so will ich versuchen dem professoralen Doppeldoktor auf die Sprünge zu helfen. Das die Homöopathie in den Medien präsenter ist und damit auch öfter kritisiert wird liegt daran, daß sie eine recht einflussreiche und lautstarke Lobby besitzt. Gesamtwirtschaftlich mag die Homöopathie tatsächlich unbedeutend sein, aber ganz so unscheinbar, wie Hr. Wallach gerne den Eindruck erwecken will, ist sie nicht, denn auch hier geht es um Milliardenumsätze, bei wesentlich besseren Gewinnmargen. Glücklicherweise müssen noch viele Menschen für den homöopathischen Unsinn aus eigener Tasche bezahlen, aber die Zahl der Krankenkassen die Homöopathie in ihren Behandlungskanon aufgenommen haben steigt. Genau hier beginnt es die Allgemeinheit zu belasten, in dem Ressourcen sinnlos verschwendet werden, die dann an anderer stelle fehlen. Da die Wirkung der Homöopathie nicht über einen Placeboeffekt hinaus geht, kann sie zu einem Verschleppen bei ernsthaften Erkrankungen führen, welche dann nicht einfach nur auf konventionelle Art nachbehandelt werden müssen, sondern durch aufwändigere Behandlung auch noch höhere Kosten produzieren. Außerdem geht es den Homöopathen, überhaupt allgemein den Verfechtern der „Komplementärmedizin“ (CAM), um eine Gleichstellung (nicht Gleichebrechtigung!) ihrer Quacksalberei mit wissenschafltlichen Erkenntnissen. Dabei sind durchaus handfeste finanzielle Gründe im Spiel, da man mit Erreichen der Gleichstellung zu einem regulären Teilnehmner im Gesundheitswesen wird. Auch feiern die CAM-Befürworter bereits die Integration der Komplementär- und Alternativmedizin in das europäische Forschungsförderprogramm FP7 (CAMbrella)¹.

Die Homöopathie gehört wohl mit Abstand zu den bekanntesten Begriffen aus dem Bereich der „Komplementärmedizin“, wenn auch meist die Menschen nicht wissen, was genau unter Homöopathie zu verstehen ist. Der Begriff ist aber im Regelfall, leider und unberechtigterweise, positiv besetzt (Stichwort „sanfte Medizin“). Daher kommt der Homöopathie auch eine Funktion als Türöffner für andere zweifelhafte Methoden zu.

Der dritte Aspekt mag ihre intensive Vermarktung für die Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern sein. Der Berufsstand der Hebammen hebt sich hier besonders negativ hervor. Auch werden bspw. von einigen Ärztekammern Fortbildungsmaßnahmen mit dem Thema „homöopathische Nofallmedizin bei Säuglingen“ tatsächlich anerkannt. Das ist gemeingefährlicher Unsinn, vollzogen an den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft. Bei der Behandlung durch solche Scharlatane wird die Gutgläubigkeit und Unbedarftheit von (werdenden) Eltern ausgenützt, die nur um die Gesundheit ihres Kindes bangen.

Jetzt zu Walachs Argument „kein Homöopath stehle einem konventionellen Kollegen die Butter vom Brot“. Es scheint Hr. Walach noch nicht aufgefallen zu sein, daß die homöopathischen Grundlagen auch in der Ökomomie nicht funktionieren, anderfalls könnte man bei sinkendem Etat, mehr Forschung betreiben. Selbsverständlich tun sie das, sogar massiv, es ist doch nicht zu leugnen, dass es einen Konkurrenzkampf um Stellen und Gelder gibt. Jeder Vertreter von CAM an den Fakultäten blockiert allein durch seine Existenz einen Platz für einen Wissenschaftler und bindet Forschungsgelder. Immerhin sind Professoren in Deutschland beamtet, d.h. die wird man nicht wieder los und die müssen bis zur Pension und darüberhinaus durchgefüttert werden. Herr Walach und sein Institut INTRAG sind doch selbst das Beste, aber nicht das Einzige, Beispiel für derartigen Butterdiebstahl Ressourcenverschwendung. Langfristig gefährlicher als die Geldverschwendung, ist allerdings die systematische Verdummung mit und durch CAM, da der Begriff der Wissenschaftlichkeit bis zur Beliebigkeit entwertet wird.

Es geht also den Kritikern primär nicht um wirtschaftliche Fragestellungen, sondern darum, durch Aufklärung das Vordringen pseudowissenschaftlichen Gedankenguts einzudämmen. Um im Bild zu bleiben, der Homöopathie kommt nicht die Rolle eines zarten Pflänzchens, sondern der eines langsam aber stetig wachsenden, alles durchdringenden Fäulnispilzes zu.

Literatur

  1. Yes, we CAM! Oder: Europa, wir kommen! Dieter Melchart. Forsch. Komplementmed. 2010, 17:60 (freies PDF), DOI: 10.1159/000289588, PubMed #20484911

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