Gewalt und Männerüberschuss

Eine allgemein gut gepflegte Meinung, sowohl in der breiten Bevölkerung als auch unter Soziologen (naja, Soziologen eben), ist die Annahme, daß ein Männerüberschuss (= hohes Geschlechterverhältnis¹) in einer Gesellschaft zu einem Mehr Gewalt führt, also nichts anderes als die von modernen Feministinnen mit Inbrunst propagierte Festschreibung des Bildes vom Mann als beständigem Gewalttäter und der friedlichen Frau. Dies führt gegenwärtig zu der bisher durch nichts belegten Annahme, daß es in China auf Grund seines Überschusses von rund 100 Millionen Männern, für die es keine Frau gibt, eine Entwicklung hin zu mehr Militarismus und aktiven Militäreinsätzen geben wird. Ähnlich wird die Gewalt in Indien begründet. Der Männerüberschuss in beiden Ländern ist kulturell bedingt, da traditionell ein männlicher Nachkomme zur Fortführung der Familie gewünscht wird, wohingegen Mädchen als Belastung empfunden werden. Dem entsprechend werden in diesen Ländern weibliche Föten vermehrt abgetrieben und weibliche Neugeborene eher vernachlässigt werden, bis hin zur aktiven Kindstötung weiblicher Nachkommen.

Als eigentliche Triebkraft für die Gewalttätigkeit wird — mehr oder weniger intuitiv — der verschärfte Wettbewerb um (fruchtbare) Frauen angeführt. Als Begründung wird oft angenommen, dass ein Männerüberschus eher zu Monogamie und zu mehr elterlicher Fürsorge durch Männer führt, allerdings bei steigendem Selektionsdruck auf sie, wohingegen bei einem Frauenüberschuss Männer ihre Knappheit ausnutzen können und zur Promiskuität und weniger elterlicher Fürsorge neigen. Im Übrigen scheint mir in der Literatur mehr über Verhaltensänderungen bei Männern und die Folgen davon zu finden zu sein, als über die bei Frauen. Mir ist momentan nicht klar, ob dies weniger berücksichtigt wird oder ob keine Änderungen gefunden/vermutet werden. Es kann aber auch daran liegen, daß ich die Literatur auf diesem Gebiet nur unvollständig überblicke.

Die Mehr-Männer-mehr-Gewalt-Hypothese speist sich aus drei Quellen:

  1. Mathematische Fortschreibung. Die meisten Gewaltäter und Opfer von Gewalt sind Männer. Daher sollte eine Zunahme von Männern auch zu einer Zunahme an Gewaltaten führen.
  2. Die zweite Quelle stammt aus den Sozialwissenschaften der 1980er Jahre. Hier wurden die teilweise ausufernden Kriminalitätsraten in Asien in Verbindung mit den abnorm hohen Geschlechterverhältnissen in der Region gebracht. So lag auch tatsächlich die Mörderrate in Indien in den Regionen über dem Durchschnitt, in denen ein Männerüberschuss zu verzeichnen war und da Männern auf Grund des höheren Testoserongehalts eine höhere Gewaltbereitschaft unterstellt wird, lag eben der besagte Schluss mehr Männer führen zu mehr Gewalt nahe. Ein bis heute typisches Soziologenverhalten, eine Korrelation wird zur (gewünschten) Kausalität hochgeschrieben.
  3. Die dritte Quelle beruht auf einer älteren, nur schwer in wenige Worte zu fassenden Modellvorstellung zur sexuellen Selektion. Das Modell des elterlichen Investments besagt, daß, wenn ein Geschlecht eine geringere potentielle Reproduktionsrate (bspw. durch die auszuübende Brutpflege) aufweist, die Konkurrenz um das nun begrenzt zur Verfügung stehende Geschlecht zunimmt. Diese Zunahme der Konkurrenz soll mit erhöhter Gewalt unter den Mitbewerbern einher gehen, so die Modellannahme. Zur Konfliktlösung wird Gewalt stillschweigend angenommen, andere Lösungsmöglichkeiten (bspw. Fähigkeitswettbewerbe) werden dabei nicht weiter berücksichtigt

Kulturübergreifende Untersuchungen bestätigten bisher gewisse Aspekte dieses Bildes. So wurde bspw. bei frühen Immigranten in die USA gefunden, dass ein hohes Geschlechterverhältnis die Heiratswahrscheinlichkeit von Frauen stark steigen lässt und gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit für sie gezwungen zu sein körperlich harte Arbeit zu leisten abnimmt. Heutige Feminsitinnen fordern ja die Quote auch immer nur für saubere, ungefährliche und gut bezahlte Tätigkeiten, wohingegen ihnen die Mehrheit der hart arbeitenden Frauen ziemlich egal ist. Im Gegenteil Frauenarbeit wird als ein Akt der Selbstverwirklichung gepriesen, vergessen wird dabei, daß viele Tätigkeiten in einer Gesellschaft, unabhängig davon ob sie von Mann oder Frau ausgeführt werden (müssen), nichts mit Selbstverwirklichung zu tun haben, sondern dem äußeren Zwang sich ernähren zu müssen entspringen, mithin also einen hohen Grad an Fremdbestimmtheit mit sich bringen. Auf der anderen Seite ist der Anteil verheirateter Männer bei hohem Geschlechterverhältnis größer und die Promiskuität bei beiden (sic!) Geschlechtern ist geringer.

Es gibt durchaus gute theoretische und empirische Gründe für die Annahme, daß ein Männerüberschuss zu einer verschärften Konkurrenzsituation auf dem Heiratsmarkt führt. Doch führt dies tatsächlich zu einer gewaltätigeren Gesellschaft? Einige Naturwissenschaftler haben sich nun dieser Hypothese angenommen und den nicht einfachen Versuch unternommen empirische Belege hierfür zu finden, dessen Ergebnisse sie nun kürzlich veröffentlicht haben.[1] Die Ergebnisse sind uneinheitlich. Je nach Datenquelle gibt es eine positive, negative und in seltenen Fällen gar keine Beziehung zwischen dem Grad des Männerüberschusses und Gewalthäufigkeit. Trotz der Uneinheitlichkeit der Ergebnisse lässt sich bereits eines sicher feststellen:

Es gibt keine einfache Beziehung zwischen Geschlechterverhältnis und Gewalthäufigkeit!

Damit ist auch die Hypothese widerlegt, daß die Ursache einer Gewaltzunahme durch ein vermehrtes Konkurrieren um Frauen bedingt sein soll. Offen bleibt jedoch die Frage nach anderen möglichen Ursachen einer zunehmenden Gewalt (z.B. Geisteserkranungen, politische Strukturen, Drogenmißbrauch). Interessanterweise führen einige Untersuchungen zu dem Ergebnis einer negativen Korrelation von Männerüberschuss und Vergewaltigungsrate/sexuelle Übergriffe, d.h. mehr Männer führen zu niedrigeren Raten. Im Gegensatz dazu scheint ein Männerüberschuss eine Zunahme an innerpartnerschaftlicher Gewalt gegen Frauen zur Folge zu haben. Jedenfalls gibt es eine ganze Reihe von wenig bis gar nicht untersuchten Parametern, die männliche Gewalt beeinflussen:

  • Männlicher Wettbewerb ist nicht notwendigerweise gewalttätig.
  • Männliches Verhalten ist heterogen. Bei einigen Männern führt der Wettbewerb um Frauen in die Gewalt, bei anderen hingegen nicht, unabhängig vom vorliegenen Geschlechterverhältnis.
  • Die Soziologie schlüsselt mögliche Ausweichstrategien von Männern auf einen Mangel an Frauen nur selten auf (Wanderungsbewegungen von Regionen mit Männerüberschuss zu solchen mit Frauenüberschuss, Stammkundschaft bei Prostituierten, Polyandrie, Wohn- und Dorfgemeinschaften von Männern [China]).
  • Bei männlicher Gewalt unter Männern geht es nicht zwangsläufig um Frauen.
  • Frauen können durch ihre Wahl das Geschlechterverhältnis drastisch beeinflussen und damit auch den Grad männlicher Gewalt. Ist für das Überleben die Kontrolle von Ressourcen durch physische Kraft notwendig, wird die Wahl der Frauen auf die Männer fallen die dazu in der Lage sind und dies könnte wiederum zu einer Gewaltzunahme führen. Die Wahlentscheidungen von Frauen wiederum beeinflussen das Verhalten von Männern im Wettbewerb um Frauen, da versucht wird die (vermutete) Erwartungshaltung von Frauen zu erfüllen.
  • Die Grundannahme eines positiven Zusammenhangs zwischen Gewalt und hohem Geschlechterverhältnis verdeckt den Blick auf andere mögliche Zusammenhänge.
  • Elterliche Fürsorge und Wettbewerb um Frauen schließen sich nicht zwangsläufig aus.
  • Elterliche Fürsorge kann selbst eine Quelle von Gewalt sein (bspw. Eigentumsdelikte).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, daß die Ursachen männlicher Gewalt vielfältig sind und oft auf Grund eines Manghels an empirischen Daten im Dunklen liegen. Die These, daß ein Männerüberschuss geradewegs in eine gewaltätige Gesellschaft mündet, ist irreführend vereinfacht und kann durch die Empirie nicht belegt werden. Es gibt sogar Hinweise darauf, daß Maßnahmen, die auf der Annahme ein Frauenüberschuss könne das Gewaltproblem beheben beruhen, das Problem männlicher Gewalt weiter verstärken.

Ein Punkt der in der beschrieben Veröffentlichung nich berücksichtigt ist, ist die Tatsache, daß Frauen im Falle von Streitigkeiten ihre Männer holen und diese dann in die eigentlichen Gewaltakte verstrickt sind. Diese erscheinen dann in den Polizeistatistiken als männliche Gewalt, obwohl der auslösende Faktor die Frau selbst war und der Mann nur als williges Werkzeug zur Verfügung stand.

Literatur:

  1. Too many men: the violence problem? Ryan Schacht, Kristin Liv Rauch, Monique Borgerhoff Mulder. Trends Ecol. Evol. 2014, 29 (4): 214-222, DOI: 10.1016/j.tree.2014.02.001, PubMed #24630906

1Bei dem Begriff hohes bzw. niedriges Geschlechterverhältnis (engl. sex ratio) ist Vorsicht geboten. In der Terminologie der Biowissenschaften wird das Geschlecherverhältnis nach Anzahl der Männchen je 100 Weibchen berechnet. Somit bezeichnet ein Männerüberschuss ein hohes Geschlechterverhältnis, ein Frauenüberschuss ein niedriges Gechlechterverhätnis. Einige Soziologen und Demografen hingegen kochen ihr eigenes Süppchen und definieren das Verhältnis genau andersherum. Ich verwende den Begriff entsprechend der naturwissenschaftlichen Definition.

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