Hilflosigkeit 1: Wegwerfhändis

Regierungsmitglieder greifen auf Grund der Aktivitäten der ausufernden Geheimdienste bei ihren Auslandsreisen vermehrt auf Wegwerfhändis zurück, die nach der Rückkehr zerstört werden (heise, Zeit). Anders ausgedrückt, Politiker und Mafiosi kommen sich auch in dieser Hinsicht näher. Es hat etwas Paradoxes, daß sich Politiker jetzt (auch) offen wie Kriminelle verhalten müssen, um ihre Kommunikation wenigstens halbwegs zu schützen. Genau jene Politiker, die seit Jahren immer neue Gesetze erlassen (bspw. Namenspflicht für SIM-Karten, Vorratsdatenspeicherung etc.) und immer noch Weitergehende fordern, damit die Kommunikation des Bürgers jederzeit lückenlos nachvollziehbar ist, müssten nun genau diese Gesetze umgehen lernen, wenn sie es denn richtig angehen wollten.

Gegen abgehört werden schützt Politiker die Verwendung von Wegwerfhändis indes nicht. In dem Moment wo das Zielland betreten wird, stehen sie und ihre Umgebung unter potentieller Beobachtung durch mindestens einen Geheimdienst. Gerade bei Regierungsmitgliedern ist allein schon aus Sicherheitsgründen zu jeder Sekunde bekannt, wo sie sich gerade aufhalten. Sobald sich das Händi in das Netz einbucht, kann es ihnen daher auch umgehend zuordnet werden, angefangen bei der registrierten SIM-Karte, über manipulierte Basisstationen, bis hin zu den Endstellen mit denen kommuniziert wird, da diese ihre Nummern nicht wechseln.

Das Abgeben der Händis vor vertraulichen Gesprächen mag Usus sein, schützt aber nur davor, daß Dritte über das Händi des Gastes mithören. Der Gast selbst kann immer noch ein verstecktes Aufzeichnungsgerät bei sich tragen und die Räumlichkeiten des Gastgebers dürften in vielen Fällen sowieso verwanzt sein. Und wenn der Gast befürchten muss, daß sein abgegebenes Händi während einer vertraulichen Runde manipuliert wird, sollte der Gast von vornherein auf die Mitnahme eines Mobilfunkgerätes verzichten, egal ob Dauergerät oder Wegwerfhändi.

Bereits bei der Beschaffung der Geräte muss mit Bedacht vorgegangen werden. Eine Sammelbeschaffung von Wegwerfhändis durch die Verwaltung verbietet sich genaugenommen, denn es steht zu befürchten daß die Verwaltung bereits mit manipulierten Geräten beliefert wird oder sie innerhalb der Verwaltung von den eigenen Diensten „aufgewertet“ werden. Die Beschaffung muss daher individuell spontan bei wechselnden Anbietern, jedoch nicht per Versandbestellung, erfolgen. Vor der Dienstreise müssten dann nur einige relevante Nummern eingespeist werden. Das auf Dauer konsequent durchzuhalten ist sehr gewöhnungsbedürftig, denn dies alles konterkariert in vielerlei Hinsicht den Sinn moderner Mobilfunktechnik, insbesondere von Smartphones, die inzwischen die Funktion eines mobiles Büros übernommen haben.

Auch wenn der Zug abgefahren ist, aber es dürfte um einiges sicherer, stressfreier und zeitökonomischer sein, einfach mal auf Dienstreise für ein paar Tage nicht per Mobilfunk erreichbar zu sein. Aber dies widerstrebt dem Geltungsbedürfnis und dem Kontrollbedürfnis vieler Politiker („Ich bin wichtig, ich muss erreichbar sein, wer außer mir kann sonst die Entscheidungen fällen?“). Strukturbedingt werden aber auf Dienstreisen sowieso spontan keine tiefergehenden Entscheidungen getroffen, denn entweder müssen sie unter Einbeziehung weiterer Personen im Heimatland abgesegnet werden oder es stehen weitere Verhandlungen an. Daher gibt es auch keinen Grund, immer sofort alles mitteilen zu müssen bzw. immer sofort über alles informiert werden zu müssen. Im Gegenteil, ein System, insbesondere ein Land welches so organisert ist, daß wesentliche Entscheidungen von Individuen abhängen ist auf lange Sicht sehr störanfällig und dysfunktional.

Der Ratschlag mit den Wegwerfhändis mag nicht prinzipiell falsch sein, aber er zeugt auch von der politischen Hilflosigkeit gegenüber den Geheimdiensten, denn inzwischen macht es bzgl. des Selbstschutzes der Kommunikation keinen Unterschied mehr, ob man zu (vermeindlich guten) Verbündeten oder zum ärgsten Feind fährt. Dies ist das eigentliche Armutszeugnis der sogenannten freien Welt.

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