Warum Wutbürger wütend sind

Die grandios gescheiterte Ex-Bürgermeisterin von Bremen und Journalistin Susanne Gaschke hat die wahren Gründe für des Wutbürgers Unmut ausgemacht. Nun gut Fr. Gaschke hat den Fehdehandschuh geworfen, dann will ich ihn mal aufnehmen.

Aber bitte: Kann die Mangelhaftigkeit von Politik und Medien (beides wird von Menschen gemacht) wirklich der Grund für ein so abgrundtiefes Unglück eines so großen Teils der Bevölkerung sein, wie es sich gegenwärtig in Umfragen manifestiert? Das glaube ich einfach nicht. Ich glaube, dass es drei ganz andere Faktoren sind, die die Stimmung in diesem definitiv friedlichen und insgesamt wohlhabenden Land so düster grundieren.

Gerade von Fr. Gaschke klingt die gestellte Frage nach reinen Zynismus, aber vor allem nach Selbstentschuldigung nach ihrem Scheitern. Nicht die Politik liegt falsch, es ist der Bürger der sie nicht versteht.

Zum einen scheinen immer mehr Leute verhängnisvolle Entscheidungen in ihrem Beziehungsleben zu treffen. Dann sitzen sie da, mit wütenden Ex-Partnern, verstörten Kindern, Schulden und sich unverstanden fühlenden neuen großen Lieben ihres Lebens. Klar, durchhalten wäre auch anstrengend gewesen. Aber anders anstrengend.

Woher nimmt sie die Sicherheit, daß anders anstrengend auch besser gewesen wäre? Aber dennoch ein interessanter Punkt. Fr. Gaschke proklamiert hier — als SPD-Frau! — mit ihrer Durchhalteparole eine zutiefst konservative Einstellung, vergisst aber dabei, daß in weiten Teilen der Politik das Gesellschaftsmodell Familie als vollkommen überholt, gar als reaktionär gilt und von einigen Seiten, SPD inklusive, bekämpft wird und Befürworter niedergemacht werden.

Zum zweiten führen die falschen Entscheidungen – oder die mangelnde Fähigkeit, sich überhaupt auf etwas festzulegen – zu immer mehr einsamen Menschen. Und Einsamkeit war nun wirklich noch nie ein Stimmungsaufheller.

Genaugenommen ist das kein eigenständiger Punkt, sondern ihrer Meinung nach die Folge aus dem Ersten. Dennoch spricht sie einen erwähnenswerten Punkt an, den der mangelnden Entscheidungsfähigkeit. Auch hier gibt die Politik durchaus eine Linie vor. Einerseits wird permanent vom lebenslangen Lernen „geschwärmt“, der Bürger quasi dazu genötigt. Berufliche Sicherheit ist schon lange nicht mehr gegeben, meiner Meinung nach auch nicht mehr gewollt. Der Bürger soll jederzeit und überall eingesetzt werden und die Fähigkeit mitbringen sich permanent umorientieren zu können. Diese Forderung führt aber zu Vielfalt ohne Tiefe, mit der Folge, daß auf etlichen Positionen nur noch Halb(aus)gebildete sitzen, die die Folgen ihres Tuns nicht mehr überblicken, vielleicht auch nicht mehr überblicken sollen. Andererseits gibt die Politik auch die Richtung vor, daß allein die geäußerte Erwartung man solle sich für das Eine oder Andere entscheiden, bereits gerne als Diskriminierung hingestellt wird.

Zum dritten macht das sinnlose Digitalgedaddel, das viele inzwischen bis zum Exzess betreiben, traditionelle Formen der Gemeinschaft kaputt, in Vereinen, beim Militär, selbst bei der noch jungen Tradition des Junggesellinnenabschieds.

Man könnte dies auch ganz altmodisch als Frechheit und Respektlosigkeit bezeichnen, wenn das Gegenüber während des Gesprächs oder des Besuchs nur auf das Displays des allgegenwärtigen Peilsenders schaut, denn es wird recht klar signalisiert, das mir etwas/jemand Anderes wichtiger ist. Nur hat diese Manie eben weiter Teile der Bevölkerung erfasst, die es offenbar nicht mehr als respektlos empfindet, aber hierin einen Grund für die Wut auf die Politik zu sehen halte ich dann doch für sehr konstruiert und eine vollkommen beleglose Behauptung, die eher von den eigentlichen Problemen ablenken soll. Übrigens wäre es auch hilfreich, wenn sich unter Journalisten rumspräche, daß Recherche kein Synonym für „auf Twitter nachsehen“ ist

An allen drei Großtrends können weder „der Staat“, noch „die Politik“, noch „die Medien“ etwas ändern. Wer es aber kann: jeder einzelne Mensch. Man braucht nur etwas Sturheit, etwas Mut und etwas Kraft.

Wie festgestellt, tragen an den ersten beiden Punkten Politik und Medien eben durchaus eine Mitschuld, da sie das Verhalten selbst propagieren. Dennoch scheint mir Fr. Gaschke grundsätzlich daneben zu liegen und mit ihrer Larmoyanz nur einer nach einer Möglichkeit zu suchen, den Fehler bei anderen zu suchen, denn im Grunde sagt sie nichts anderes, als das Politik und Medien richtig liegen und der Bürger einer Schafherde gleich eigentlich nur zu folgen braucht. Alle drei genannten Punkte sind durchaus reale Phänomene, aber ist sie wirklich so naïv anzunehmen, daß dies der Antrieb derjenigen ist, die sie Wutbürger nennt? Die Idee, daß viele Bürger von den Handlungen der Politiker und der dazu passenden tendenziösen Berichterstattung durch die Medien, an Stelle von kritischem Journalismus, schlicht die Nase voll haben, kommt sie nicht. Weiterhin ist der Unmut vieler Bürger eben nicht nur rein gefühlsmäßiger und damit schwer meßbarer Natur sondern an Zuständen im Lande objektiv nachvollziehbar. Die Häufung an Fehlleistungen durch die Politik ist nicht mehr aufzuzählen. Trotz jährlich steigenden Mehreinnahmen an Steuern, wächst dem Staat der Unterhalt der Infrastruktur (marode Straßen, Brücken, Schulen, Universitäten etc.) über den Kopf, ein Justizwesen, welches nicht mehr hinterher kommt und am laufenden Band Fehlurteile produziert, ja teilweise sogar produzieren muss, da der Gesetzgeber schlechte, weil hochgradig ideologisierte Gesetze produziert. Politiker die ungezählte Milliarden an Steuergeldern auf Grund von Dummheit und Selbstdarstellung (Ramsauer, Platzeck, Wowereit etc.) unwiederbringlich aus dem Fenster werfen (Nürburgring, Elbphilharmonie, Flughafen BER etc.) ohne jemals dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, sondern meist nur kurz in der Versenkung verschwinden um dann an anderer Stelle im parteilichen Nepotismus wieder eine Führungsrolle zugeschanzt zu bekommen. Eine Politik, die permanent von Eigenverantwortung und freien Märkten faselt, aber vor nichts mehr Angst hat, als vor wirklich freien Märkten. Wie im Falle der Milliarden für Griechenland. Griechenland ist unzweifelhaft ein gescheiterter Staat, aber die Milliarden kamen nicht den Griechen zu Gute, sondern den (deutschen) Banken, die sich verhoben hatten. Freier Markt? Bloß nicht! Desgleichen beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), reine Planwirtschaft, die voll zu Lasten des einzelnen Bürgers geht. Eine Politik, die ihr Handeln nicht mehr begründet, sondern es einfach mit der abgrundtief dämlichen Floskel „alternativlos“ in den Raum stellt. Dazu die durchtriebene, ideologiegesteuerte Lügerei von Politikern, die ausufernde, die Meinungsfreiheit gefährdende „political correctness“, die auf der einen Seite das Ansprechen bestimmter Probleme aktiv verhindert und Verstöße gegen dieselbe sanktioniert, sowie der anderen Seite real nicht existente Probleme vorgaukelt. Hinzu kommt noch die immer weiter um sich greifende Kleptokratie der Protagonisten innerhalb des Parteiensystems, besonders jedoch bei rot-grün, deren einziges Ziel es ist, eine Position mit gut dotierter, lang anhaltender Rundumversorgung im öffentlichen Dienst zu erreichen, vornehmlich besetzt mit Leuten die von Nichts wirklich eine Ahnung haben, in deren Folge auch immer mehr nutzlose Stellen („Beauftragte für Irgendwas“) geschaffen werden. Das selbstgefällige, unkoordinierte, unprofesionelle und illegale Agieren in der Flüchtlingskrise, welches dem Steuerzahler abermals bis auf Jahre hinaus Milliarden aufbürdet, die noch dazu anders eingesetzt mehr Menschen mehr Hilfe hätte zu Teil werden lassen, war dann nur noch der Funke am Pulverfass. Merkwürdigerweise stand hierfür auch plötzlich Geld in unbeschränkter Höhe zur Verfügung. Die Liste mit Punkten an denen es in Deutschland erheblich hakt, ließe sich fast endlos fortsetzen, mit Beispielen aus unkontrollierter Überwachung, Gängelung des Bürgers, Renten, Sozialsystem, Gesundheitswesen, EU & Euro, aber all diese Gründe beruhend auf Politik, Staats- und Medienversagen sind natürlich alles nur belanglose Lappalien, keiner Aufregung wert und ein Nichts gegen die von Fr. Gaschke genannten Gründe. Für wie debil hält Fr. Gaschke die Bürger eigentlich? Könnte es sein, daß genau diese Einstellung in der Politik weit verbreitet ist und die Ursache für das Versagen darstellt?

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