Vom Glauben an alles Mögliche

Ein immer wiederkehrendes Argument warum Religion und vor allen Dingen die Kirchen von immenser Bedeutung für den Bestand einer Gesellschaft sind ist das Folgende:

Wer an nichts glaubt, glaubt an alles Mögliche.

So ganz spontan fällt einem dazu eigentlich nur eine Antwort ein: „Natürlich glaube ich an alles Mögliche, soll ich etwa an alles Unmögliche Glauben?“ Andererseits beantwortet sich diese spontane Gegenfrage von selbst, denn die Grundlage jeder Theofiktion ist ja genau der feste Glaube an Unmögliches. Unmögliches als unabdingbarer Kitt der Gesellschaft, eine irgendwie bizarre Vorstellungswelt in der Gläubige leben.

Anders ausgedrückt, Gläubige glauben also nicht an das Mögliche, sondern nur an das Unmögliche. Schaut man sich an, woran so alles geglaubt wird, wie Götter in allen möglichen und unmöglichen Farben und Formen, Teufel, Dämonen, Hexen, Zauberei, Astrologie, Horoskope, Kartenlegerei, brennende und sprechende Dornenbüsche usw. usf. kommt man unweigerlich zu dem Schluss, daß eigentlich Gläubige tatsächlich alles Mögliche glauben, also genaugenommen alles Unmögliche. Verwirrend, nicht wahr? Das Unmögliche als Grundlage der Lebensführung unter Ausblendung des Möglichen. Das wird es sein, aber ich glaube nicht, daß das funktioniert. Glaube ich nun gerade an das Mögliche oder das Unmögliche? Ich weiß es nicht, ich bin immer noch verwirrt.

Da, wie gezeigt, Spontanes mehr verwirrt als klärt, kann man es mal Logik probieren. Der Glauben beginnt dort, wo es kein gesichertes Wissen gibt. Sinnvolle Entscheidungen können an dieser Stelle nur noch durch das Abwägen von Wahrscheinlichkeiten für Problemlösungen getroffen werden. Nun zeichnet sich das Mögliche aber gerade dadurch aus, daß es gesicherte Erkenntnis ist, denn es ist eben tatsächlich möglich und nicht nur wahrscheinlich. Da sich nun aber Wissen und Glauben ausschließen, offenbart sich die Behauptung „Wer an nichts glaubt, glaubt an alles Mögliche“ als ein Oxymoron. Sie ist — wie so viele Schlachtrufe der Theofiktionäre — prägnant, aber höchst unsinnig.

Ich jedenfalls halte mich bis zum Beweis des Gegenteils an das Mögliche, immer, also fast immer, denn jetzt warte ich erstmal auf den Weihnachtsmann! Nicht auf das Christkind, denn da gibt es ja gar nicht — glaube ich jedenfalls —, außerdem bin ich gegen Kinderarbeit.

In diesem Sinne, allen ein paar schöne Feiertage in Völlerei und Wollust.

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