ello versus Facebook und Diaspora*

In den letzten Wochen wurde reichlich über das neue soziale Netzwerk ello geschrieben (Spiegel, WSJ, Die Zeit), gar als Facebook-Killer wurde es tituliert, welchem man bisher nur auf Einladung beitreten kann. Geschaffen wurde es in Zusammenarbeit mit Künstlern. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sich das förderlich auf die Qualität auswirkt.

Das Sozialnetzwerk hat bisher kein funktionierendes Geschäftsmodell. Über die Versprechen von ello im Manifesto, keine Werbung zu zeigen, keine Benutzerdaten zu verkaufen (bereits unter Vorbehalt), auch ansonsten keine Datensammelei zu betreiben, aber dafür evtl. in Zukunft zur Finanzierung kostenpflichtige Zuatzfunktionen anbieten zu wollen, freut sich ganz bestimmt den hinter ello stehende Risikokapitalgeber, bedeutet doch der Ausschluss aller relevanten Einnahmequellen den Totalverlust seines Investments. Außerdem sind Risikokapitalgeber keine Philanthropen die nur eine Anschubfinanzierung leisten und nach einiger Zeit ihr eingesetztes Kapital zurück wollen, sondern es soll ein Vielfaches des eingesetzten Kapitals zurückfließen. Daher wird ello über kurz oder lang dem Weg von Facebook und Twitter folgen müssen. Der momentane Hype dient somit nur der Bekanntmachung des Namens und zur Vorbereitung der Gewinnung einer relevanten Anzahl an Benutzern, damit dort überhaupt kommuniziert werden kann. Die Begeisterung einiger Journalisten in den USA könnte auch andere Gründe haben, als die Qualitäten von ello. Schon die Begriffe amerikanisches Unternehmen in den USA kombiniert mit Datenschutz und Privatsphäre hören sich für mich wie unvereinbare Gegensätze an. Allein weil Amerikaner unter Privatsphäre in weiten teilen etwas anderes verstehen als Europäer.

An den Funktionsumfang von Facebook reicht ello bei weitem nicht heran, wesentliche Grundfunktionen fehlen sogar, eigene geniale Ideen weist es ebenfalls nicht auf, somit gibt es dsbzgl. zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Grund von Facebook nach ello zu wechseln. Auch sind beide Netzwerke zentral organisiert. Momentan habe ich sowieso nicht den Eindruck, als ob ein relevanter Teil der Facebookbenutzter wirklich eine neue Heimat sucht, aber das kann sich schnell ändern, wenn einige wenige Multiplikatoren sich zu einem Plattformwechsel entschließen. Bemerkenswert finde ich jedoch, daß es immer ein komplett neues Produkt sein muss, ohne bestehende Angebote überhaupt in Augenschein zu nehmen. Offenbar muss immer ein neues System her, auch wenn es deutlich weniger leistet als das Alte, Hauptsache neu. Mit Diaspora* (D*) gibt es schon einige Jahre eine echte Alternative, trotz leicht geringerem Funktionsumfang, zu Facebook, allerdings ohne seine gravierenden Nachteile der Datensammelwut, doch die Wenigsten Facebookbenutzer haben es mal ausprobiert.

Hinter Disapora steht kein Unternemen, erst recht kein Risikokapitalgeber, Werbefreiheit und Herrschaft über die eigenen Daten sind Grundlage des Konzeptes. Einen der großen Vorzüge sehe ich in der bisher unterschätzten dezentralen, förderalen Struktur des Diaspora-Netzwerkes. Gerade die föderale Struktur von Diaspora* stellt gegenüber allen anderen sozialen Netzwerken ein Alleinstellungsmerkmal dar, dessen Vorteil nach meinem Kenntnisstand bisher nicht wirklich genutzt wird, wohl weil die kommunikationstechnische Relevanz von Diaspora* derzeit gegen Null tendiert. Da es bei Diaspora* keine zentrale Instanz gibt und jeder seinen eigenen Knoten, Pod im D*-Duktus genannt, aufsetzten kann, könnten dies selbst auch kleinere Organisationen, Unternehmen und Behörden. Auch diese behielten nicht nur die Kontrolle über ihre Daten, sondern die in ihrem Namen sprechenden Mitarbeiter würden unter einer einheitlichen Kennung auftreten. Eigentlich genau das, was von diesen mit ihrer „Corporate Identity“ vielfach angestrebt wird. Für die Benutzer wäre dann schon allein an Hand der Kennung (z.B. Mustermann@Diaspora.Unternehmen.de) die Herkunft seines Gesprächspartners ersichtlich und damit das Problem der Authentizität seines Gegenübers in vielen Fällen gelöst. Den Mitarbeitern bliebe es natürlich unbenommen für private Zwecke irgendwo ein zweites Diaspora*-Konto zu führen. Denkbar wäre sogar, daß Provider vorkonfigurierte Diaspora-Pods in ihre Produkpalette aufnehmen und nur eine entsprechene Domäne eingerichtet werden muss.

Privaten Nutzern, die tatsächlich bereit wären einige Euro pro Monat für ein soziales Netzwerk zu opfern, wäre mehr damit gedient, sich in Gruppen zusammenzufinden, einen eigenen Server anzumieten und darauf einen eigenen Diaspora-Knoten aufzusetzen. Für Idealisten könnte sogar interessant sein, daß ihr Geld in der Region bleibt. Die eigenen Daten unter Kontrolle, Geheimdienste ohne zentrale Instanz zum Mithören, dennoch weltweite Kommunikationsmöglichkeiten, daß wäre das Gebot der Stunde, nicht ein optisch aufpeppter, funktionsarmer Facebooklon der schicker aussieht. Noch, muss man sagen, denn wenn mehr Funktionen eingebaut werden, wird dies auch an der Schlichtheit nicht spurlos vorübergehen.

Könnten sich alle Teilnehmer nun noch dazu entschließen einen Hinweis auf ihren PGP-Schlüssel (ID, Fingerabdruck, Link zum Keyserver) in ihr Profil auzunehmen, wären auch die Grundlagen für eine sichere, nicht-öffentliche Kontaktaufnahme gegeben. Alles in Allem besteht für alle die ein soziales Netz benutzen wollen bisher nicht der geringste Grund bei ello einzusteigen.

2 Kommentare

  1. wai sagt:

    Die ‚Beschreibung‘ ist ja Freitext, hindert dich keiner dran, dort deinen PGP-Schlüssel einzutragen 😉 Sehen halt nur deine Kontakte, aber immerhin..

  2. Das kann Vor- und Nachteile haben. Nachteil, klar, nicht jeder der das Profil aufruft hat den Schlüssel. Generell ist die Kontaktaufnahme mit einem D*-Mitlgied ja nun nicht schwierig. Um das zu umgehen gäbe es theoretisch zwei Möglichkeiten:
    1.) Der Avatar enhält die ID im Bild.
    2.) Jedes öffentliche Posting nur mit Signatur veröffentlichen.
    Der Vorteil könnte darin bestehen, daß man für die Diasporakontakte einen eigenen Schlüssel vorsehen kann, den dann auch nur die Kontakte sehen können.

    Ich sehe das Alles momentan allerdings nicht wiklich als Problem an, obwohl ich durchaus der Meinung bin, daß es nicht schlecht wäre, wenn es auch ein Freitextfeld für einen öfentlichen Teil einer Beschreibung geben würde.

    Wichtiger/Relevanter wären andere Dinge wie bspw. Fehlerbehebung beim Parsen von Markdown, gleiche Funktionalitäten von Postings und Kommentaren, Einführung von „gefällt mir nicht“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.