Nutzung sozialer Netzwerke in der Wissenschaft

Der Leibniz-Bibliotheksverbund Forschungsinformation (Goportis) hat die Ergebnisse einer bundesweiten Online-Umfrage zur Nutzung von Social-Media-Diensten in der Wissenschaft veröffentlicht (Pressemitteilung). Die 22.832 per e-Mail angeschriebenen Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer (wenn das mal nicht diskriminierend ist, so rein zweigeschlechtlich) lieferten 1.354 gültige Datensätze (5,39 %), davon 70 % männlichen und 29 % weiblichen Geschlechts (Das muss den Genderisten doch einen #Aufschrei wert sein, da wurden die Frauen und anderen Geschlechter bestimmt massiv vom Beantworten des Fragebogens abgehalten). Die Angeschriebenen gehörten zu den Fachbereichen der Naturwissenschaften (Chemie, Physik, Pharmazie), der Agrar-, Forst-, Ernährungswissenschaften, der medizinischen Bereiche (Human-, Veterinär- und Biomedizin, Umweltschutz), sowie zu den Fächern aus dem Bereich Wirtschaft (Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Wirtschaftswissenschaften). Kürzer formuliert, es waren keine Geistes„wissenschaften“ vertreten.

Welche dieser Gruppen von Social-Media-Instrumenten nutzen Sie beruflich?

  • Fachwikis und interne Wikis (außer Wikipedia)
  • Wikipedia
  • Werzeuge zum Teilen und Austausch von Daten (z. B. Dropbox, Slideshare)
  • Lernmanagementsysteme (z. B. OLAT, Moodle)
  • Literaturverwaltungssysteme (z. B. Mendeley, CiteULike)
  • Wissenschaftliche und berufliche Netzwerke (z. B. XING, LinkedIn, ResearchGate, Academia.edu)

Was ich an den Umfrageergebnissen als überraschend empfinde ist, daß „Wikipedia“ mit 84,7 % das Social-Media-Instrument mit der höchsten beruflichen Nutzungsrate unter den Wissenschaftlern sein soll, wobei der Nutzungsgrund Plagiatssuche & Abschreibekontrolle unter „Sonstiges“ mit nur 1,9 % subsummiert wurde. Mal weg von dem Fakt, daß ich persönlich Wikipedia nie als Social-Media-Dienst angesehen habe und die Klassifizierung als nicht wirklich überzeugend empfinde, aber weil dort jeder Artikel einstellen bzw. an diesen mitarbeiten kann, lässt es sich im weitesten Sinne als soziales Netzwerk ansehen, wundert mich das Ergebnis bei der untersuchten Population (sofern die Antwortenden für das Paneel überhaupt repräsentativ sind).

„Wikipedia“ scheint neben dem Lesen von Beiträgen auch ganz gezielt für die Recherche und wie die Freitextantworten zeigen insbesondere für den „Ersteinstieg“ in ein Thema bzw. zur schnellen Information bzw. für die „Kurzinformation“ genutzt zu werden.

Ich finde es brefremdlich, daß gerade die Wikipedia bei den genannten Berufsgruppen ein Mittel zur beruflichen Recherche sein soll. Als Nachschlagewerk für einen unbekannten Begriff im Allgemeinen, um ihn einordnen zu können, taugt Wikipedia ja, aber als Recherchegrundlage in MINT-Fächern? Dafür ist Wikipedia viel zu unzuverlässig, falsch (links- und genderunterwandert) und zu flach. Ich kann es mir nur so erklären (bzw. hoffe es vielleicht sogar), daß das Ergebnis mehr die Antwort auf die Frage „Welche dieser Gruppen von Social-Media-Instrumenten nutzen Sie während der Arbeitszeit?“ widerspiegelt, als das der eigentlichen Frage. Selbst Twitter (neben vielen anderen, vorneweg mit Facebook und Youtube) wird mit rd. 13 % als Bestandteil der beruflichen Nutzung genannt. Anderereits lag der Anteil derjenigen, der sich keine webbasierte Unterstützung für die berufliche Tätigkeit wünschte bei erstaunlichen 23,10 %.

Noch ein Ergebnis scheint mir bemerkenswert (niedrig) zu sein. Unter „Sonstige Antworten“ zum Thema Werkzeuge zum Teilen und Austausch von Daten“ kommt die e-Mail auf 3 %. Der Wert scheint mir dann doch außerordentlich niedrig zu sein. In den Teams wird natürlich sehr viel mündlich kommuniziert, aber im Zweifelsfalle wird eine e-Mail rübergereicht. Man bespricht doch nicht alle Zwischen- und Teilergebnisse in Sozialnetzwerken wie Facebook oder Twitter. Auch scheint mir das Nachrichtenaufkommen in spezifischen Netzwerken wie bspw. ResearchGate im Vergleich mit der Anzahl der in den Bereichen Arbeitenden dafür zu gering.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, auch wenn ich es nicht durch Zahlen belegen kann, daß die Umfrage nicht so ganz das gemessen hat, was sie vorgibt messen zu wollen. Generell lässt die Umfrage auch keine Aussage darüber zu, wie hoch der Anteil der Kommunikation über die Sozialnetzwerke an der Gesamtkommunikation ist.

Literatur

  1. Kurzform (grafisch aufbereitet): Die Nutzung von Social-Media-Diensten in der Wissenschaft (PDF, 6,8 MByte)
  2. Ausführlicher Bericht: Die Nutzung von Social-Media-Diensten in der Wissenschaft — Merkmale und Typologie (PDF, 10,7 MByte). Waldemar Dzeyk. Online-Studie 2015

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