Kytta: Eine Zaubersalbe von Merck?

Seit Kurzem läuft eine Werbekampagne für die Kytta-Salbe gegen Rücken- und Muskelschmerzen. Im Fernsehspot wird auf die angebliche chemiefreiheit abgezielt ([…] „Hier nimm die …“ „ne, ne Chemie, verträgst Du das?“ … „Kytta stark wie eine chemische Salbe“). Aha, die Salbe enthält also keine chemischen Wirkstoffe und soll dennoch wirken? Dann ist es eine Wundersalbe!

Alle Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroben, sind nichts weiter als hochkomplexe Reaktoren in denen permanent abertausende chemische Reaktionen ablaufen. Jeder Wirkstoff der zugeführt (oder entnommen) wird ist chemisch. Eine Medikation kann daher niemals nicht chemisch sein. Auch die Steine, die uns umgeben, sind bei Lichte betrachtet, nichts weiter als Chemikalien, ja selbst Wasser und Luft sind es. Was die Fa. Merck hier treibt ist nichts weiter als ökonomisch getriebene Verdummung.

Auch in der zum Herunterladen bereitstehenden Broschüre wird ausgiebig ein Widerspruch zwischen dem Wirkstoff der Salbe und chemischen Produkten aufgebaut:

[…] Die starke Antwort zu chemischen Wirkstoffen […]
[…] stark und schnell wirksam: so stark wie der chemische Wirkstoff Diclofenac […]
[…] genauso stark wirksam wie chemische Schmerzsalben […]
[…] Kytta® Schmerzsalbe ist die hochwirksame Alternative für alle, die keine chemischen Präparate, z. B. mit dem Wirkstoff Diclofenac, verwenden möchten. […]

Die beworbene Kytta-Salbe enthält einen Extrakt aus der Wurzel des Gemeinen Beinwells (Symphytum officinale L.). Nun sind Pflanzenextrakte nichts Geringeres als ein Konlgomerat unzähliger chemischer Substanzen. Bei den meisten Pflanzenextrakten kennt man auf Grund der Komplexität noch nicht einmal die genaue Zusammensetzung, bei vielen wirksamen Extrakten auch nicht den/die genauen Wirkstoff/e, aber chemische Substanzen sind es dennoch immer. Somit ist Kytta doch keine Wundersalbe, sondernm eine ganz normale Salbe mit chemisch wirksamen Substanzen pflanzlicher Herkunft. Die Rede von „keine Chemie“ ist dummes und gefährliches Marketinggeschwätz, da damit suggeriert wird, daß Pflanzenextrakte etwas grundlegend Anderes darstellen als künstlich synthetisierte Substanzen und Erstere daher ungefährlich, Letztere gefährlich seien.

Auf die Spitze getrieben wird diese unsinnige Dichotomie in der Broschüre bei folgender Aussage:

Chemische Wirkstoffe können den Körper belasten und zu Schädigungen von Leber oder Niere führen. Präparate mit dem hochwirksamen Beinwellwurzel-Extrakt können dank der sehr guten Verträglichkeit dagegen bedenkenlos auch langfristig angewendet werden.

Diese Art der Formulierung ist reinste Manipulation und soll den Leser bewusst in die Irre führen. Der erste Satz ist zwar rein sachlich nicht zu bemängeln, eher ist er noch zu schwach, denn es lassen sich für jedes beliebige Organ schädigende Substanzen finden, doch daraus lässt sich nicht der zweite Satz als logische Folgerung ableiten, wie es hier suggeriert wird. Wie bereits gesagt, jedes Pflanzenextrakt ist ein (fast immer undefiniertes) Gemisch aus verschiedensten chemischen Substanzen. Aber gerade Beinwell ist aus einem anderen Grunde ein gutes Beispiel für die Unsinnigkeit der kolportierten angeblichen Unschädlichkeit sogenannter „chemiefreier“ Pflanzenextrakte. Die Aussage in der Broschüre entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn Beinwell enthält — wenn auch in einer für den Menschen noch unproblematischen Menge — toxische Pyrrolizidinalkaloide, die z.B. als Verunreinigung u.a. auch gerne mal in (Kräuter-)Tees und Honigen vorkommen, welche bei Genuss (genauer gesagt ihre Metabolite) zu Leberschäden führen können. Ich nehme hier mal zu Gunsten der Fa. Merck an, daß sie dennoch die Alkaloide im Laufe des Herstellungsprozesses der Salbe weitestgehend entfernt hat. Übrigens gibt es auch entsprechende gesetzliche Regelungen zu maximal erlaubten Tages- und Langzeitdosen bei der Aufnahme pyrrolizidinalkaloidhaltiger Pyhtopharmaka.

Nur um Mißverständnisse zu vermeiden: Ich treffe hier keine Aussagen über die Wirksamkeit der Kytta-Salbe bzw. des Beinwellwurzelextrakts an und für sich, sondern nur über die Art der Werbung („keine Chemie“) die ich nicht nur für unhaltbar, sondern für gefährlich halte, da sie den unsäglich dummen esoterischen Trend von der allguten Natur und der immerbösen „Chemie“ weiter befördert. Die giftigsten Substanzen die es gibt, werden immer noch von Mutter Natur ganz ohne Zuhilfenahme des Menschen produziert. Wer es nicht wahrhaben will, dem empfehle ich entsprechend der Jahreszeit, sich einfach mal ein leckeres Gericht aus Knollenblätterpilzen zuzubereiten. Die Natur ist dann so gut und befreit die Menschheit von diesen Esoterikern.

2 Kommentare

  1. O. Maurer sagt:

    Hallo, woher haben Sie erfahren, dass Firma Merck aus der Kytta-Salbe Alkaloide entfernt hat? Ich schreibe eine Arbeit über Kytta-Pflanze und versuche seit Woche ohne Ergebnis, von dieser Firma Infos über Inhaltsstoffe zu bekommen. Sie rufen aber nicht zurück und antworten nicht auf die Emails. Ich brauche die Quelle, wo es steht, dass Alkaloide entfernt wurden.
    Danke, O. Maurer

  2. Bitte genau lesen was ich schrieb:

    Ich nehme hier mal zu Gunsten der Fa. Merck an, daß sie dennoch die Alkaloide im Laufe des Herstellungsprozesses der Salbe weitestgehend entfernt hat.

    Ich weiß also nicht wie die Fa. Merck das tatsächlich handhabt.

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