Auspeitschung wegen Alkoholkonsums: Halbwahrheiten von Amnesty International

Ich hatte neulich über den Fall berichtet der über Twitter verbreitet wurde und bei Amnesty International (AI) prominent aufgemacht war, bei der ein Mann jetzt 80 Peitschenhiebe erhielt, weil er vor rd. 10 Jahren als Kind Alkohol getrunken haben soll. Aufgegriffen hatte ich das Thema, weil mir die Geschichte nicht ganz rund erschien und ich mich wunderte, warum man gerade ihn und vor allen Dingen jetzt wegen Alkoholgenusses vor zehn Jahren verurteilen sollte, denn wollten iranische Behörden gegen den Alkoholkonsum im Lande vorgehen, könnten sie nach einem Blick in die Sozialmedien sofort tausende aktuelle Fälle medienwirksam zur Verantwortung ziehen. Beschäftigt man sich näher mit den Quellen, auch denen, die von AI selbst verlinkt worden sind, ergibt sich, abgesehen von der Auspeitschung, ein vollkommen anderes Bild des Falles, bei dem es sich keineswegs nur um ein minderschweres Delikt („offence“), dem des Alkoholgenusses, handelt, wie AI verharmlosend den Eindruck erweckt. Die wesentlichen Fakten hat AI schlicht „vergessen“ zu erwähnen.

Fakten

Zunächst zur Einordnung ein paar fallunabhänige Daten:

  • Der heutige Tag, der 25. Juli 2018, ist nach iranischem Kalender der 3. Mordaad 1397. Die Jahre nach unserer Zeitrechnung (n.u.Z.) und nach der Iranischen sind nicht deckungsgleich. Ein iranisches Jahr geht n.u.Z. immer von März bis zum März des Folgejahres. Der iranische Kalender ist ein Sonnenkalender und damit genauer als der bei uns gebräuchliche gregorianische Kalender. Die Zeitrechnung des iranischen Kalenders beginnt mit der Flucht (oder vielleicht besser Rauswurf?) des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina (Hidschra) und entspricht dem Jahr 622 n.u.Z.
  • Gemäß §147 iran. StGB sind Mädchen mit 9, Jungen mit 15 Jahren strafmündig. Unmündige Kinder tragen nach §146 keine strafrechtliche Verantwortung.
    Die Tat erfolgte im Jahre 1385, der Täter ist 1370 geboren, die Strafmündigkeithat ist also im Laufe des Jahres 1385 eingetreten. Mangels exakter Daten kann man nicht sagen, ob sie erreicht war. Allerdings kann man bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgehen, daß das Gericht die Strafmündigkeit korrekt festgestellt hat.
  • Der §265 des iranischen StGB sieht für Alkoholkonsum 80 Peitschenhiebe vor.

Der Fall

Es begab sich im Jahre 1385 in der mit ausgeprägtem Weinanbau gesegneten Stadt Kāschmar, gelegen in Irans nordöstlicher Provinz Razavi-Chorasan (eine der heiligsten Provinzen Irans, denn nach schiitischer Auffassung liegt dort der achte Nachfahre Mohammeds begraben), als eine Hochzeit stattfand. M. R., der spätere Beklagte, sprach dort dem Alkohol zu und war an einer Massenschlägerei beteiligt, in deren Verlauf der 17jährige Mohammad Yusefpur zu Tode kam. Der Hauptschuldige am Tod von Mohammad Yusefpur ist verurteilt worden. M. R. wurde im Folgejahr 1386 zu 80 Peitschenhieben wegen Alkoholkonsums (entspricht §265) und Beteiligung an der Massenschschlägerei verurteilt. Da M. R. untertauchte, konnte das Urteil nicht vollstreckt werden. Als er dieses Jahr zur Jusitzbehörde von Kāschmar ging, um Erkundigungen über ein (nicht das!) Verfahren einzuholen, wurde er, da zur Fahndung ausgeschrieben, umgehend in Haft genommen und drei Tage später wurde das Urteil öffentlich vollstreckt.

Weiterhin geht aus der Quelle hervor, daß Massenschlägereien auf Hochzeiten auf Grund von Trunkenheit überhand genommen haben, so daß die Justiz gezielt dagegen vorgehen will. Offenbar steht die iranische Justiz vor demgleichen Problem wie hier auch.

Fazit

Bei AI scheint man den Inhalt der verlinkten Quelle nur höchst selektiv zur Kenntnis genommen zu haben, insbesondere wurde mal wieder das getötete Opfer übersehen. Den wesentlichen Zusammenhang mit der Schlägerei mit Todesfolge, welche den Täter nicht mehr so ganz unschuldig aussehen lässt, hat AI genauso „übersehen“ wie den Grund warum das Urteil nicht 1386, sondern erst 1397, also mit 11 Jahren Verspätung vollstreckt wurde.

It is not clear to Amnesty International why the sentence was carried out after over a decade.

Die Quelle spricht klar davon, daß man seiner erst kürzlich habhaft geworden ist. In Abhängigkeit davon, was tatsächlich passiert ist, könnte der Täter, da er in einen Todefall verwickelt war, evtl. sogar Glück gehabt haben, daß er „nur“ wegen Alkoholkonsums bestraft wurde. Hätte er dort tatsächlich nur getrunken gehabt, wie vermutlich die anderen Hochzeitsgäste auch, wäre überhaupt nichts passiert. Ich lag also in meinem vorhergangenen Blogartikel zum Thema mit meiner Vermutung vollkommen richtig, daß hinter diesem Fall mehr als nur bloßer (jugendlicher) Alkoholkonsum stecken muss.

Kurzum, wir haben es hier mit jemandem zu tun, dessen Fall nur wenig bis gar nicht dafür geeignet ist, ihn als Willküropfer der iranischen Justiz darzustellen.

Der geneigte Leser möge nun selbst entscheiden, warum AI trotz Kenntnis der persischen Quellen es versäumte wesentliche Fakten in seinem Bericht zu nennen.

  • Ist es einfach nur Unfähigkeit?
  • Möchte man aus Eigeninteresse das Spendenaufkommen befördern? Ein wegen ein paar läppischen Gläsern Alkohol ausgepeitschtes Opfer eignet sich hervorragend, um auf die Tränendrüse zu drücken. Ein Besoffener, der an einer Masssenschlägerei beteiligt war, in deren Folge ein Jugendlicher zu Tode kommt, wäre für AI hingegen deutlich weniger geschäftsfördernd.
  • Auch für die propagierte „Open-Border-Politik“ mit ihrer unkontrollierten Migration und „Willkommenskultur“ taugt der Fall nur, wenn man auf ein unschuldiges Opfer abzielen kann. Ein Täter, der für Randale mit Todesfolge verantwortlich zeichnet, wirkt dagegen kontraproduktiv.
  • Möchte man vielleicht auch die Stimmung gegen den Iran am köcheln halten?

Es geht mir hier nicht darum, die drakonischen Körperstrafen des iranischen Rechtssystems zu billigen, aber ich halte es für eine äußerst üble Art, mit hochselektiver Faktenauslese Stimmung gegen ungeliebte Regime zu machen. Zuvorderst beschädigt AI damit sein eigenes, in der Sache richtiges Engagement. AI und andere NGOs beschuldigen Regierungen der Intransparenz und Irreführung, arbeiten aber in vielen Fällen mit den gleichen Methoden, so auch hier.

Iranische Quellen

Bildschirmfoto zum Telegramkanal mit der Nachricht.


Der Telegramkanal t.me/joinchat/BAeAzz7ryNDQQKl6rJBktw führt zu der Folgenden Nachricht¹:

♨️اجرای حکم شلاق در ملا عام در کاشمر؛
✅دادستان کاشمر: هیچ تعارفی در اجرای احکام نداریم

🔹سال 1385 چند جوان شرب خمر می کنند و این امر منجر به نزاع  در یکی از مجالس عروسی  در کاشمر و نهایت قتل فردی 17 ساله می شود.

🔸به گزارش ایسنا- منطقه خراسان، یکی از این جوانان که در این امر مشارکت داشت و از آن زمان تاکنون مدت 12 سال  فراری بود سه روز قبل جهت پیگیری یک پرونده به دادگستری کاشمر مراجعه کرده و بلافاصله در همان محل دستگیر می‌شود.

🔹در همین خصوص دادستان کاشمر در گفت‌وگو با ایسنا اظهار کرد: این فرد به موجب حکم سال 86 شعبه 101 جزایی کاشمر به خاطر جرم شرب خمر منتهی به نزاع دسته جمعی در مراسم عروسی منجر به قتل مرحوم محمد یوسف پور در سال 85 محکوم به تحمل 80 ضربه شلاق حد در ملاء شده است.

🔸غلامرضا طالعی بیان کرد: حکم  این فرد به نام(م-ر) متولد سال 70 به دلیل شرب خمر امروز در ملاعام و در میدان نیازمند اجرا شد.

🔹دادستان کاشمر با اشاره به اینکه در آن زمان چند نفر از جوانان به خاطر شرب خمری که کرده بودند منجر به نزاع و نهایت قتل فردی 17 ساله در خیابان قائم و در یک مجلس عروسی شده بود، عنوان کرد: به رغم اینکه رای در سال 86 صادر شده اما از زمان صدور حکم محکوم متواری بوده است.

🔸وی اظهار کرد: این فرد در قتل عمد مشارکت نداشته و رای قاتل اصلی قبلا صادر و اجرا گردیده اما در آن نزاع مشارکت داشته  و پرونده‌ای در این خصوص دارد که ادامه احکام صادر شده اجرا می‌شود.

🔹طالعی گفت: دستگاه قضا با قاطعیت و جدیت با افرادی که به خصوص در مراسم عروسی شرب خمر  کرده و اقدام به نزاع‌های دسته جمعی کنند با قاطعیت برخورد می‌کند.

🔸دادستان کاشمر با تاکید براینکه در اجرای احکام به خصوص حدود الهی هیچ تعارفی نداریم، افزود: اجرای حکم این فرد در ملاء عام بنا به نظر قاضی صورت گرفته است.

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@kashmarbasir1


1 Der Berichterstatter @kashmarbasir1 in Telegram verwendet mit ♨ exakt daselbe Zeichen wie ich hier auf meinem Blog. Das ist eine Koinzidenz, weder kennen wir einander, noch haben wir irgendetwas miteinander zu tun.

Ein Kommentar

  1. […] vermutet geht es nicht nur um Alkoholkonsum, sondern auch um eine Schlägerei mit Todesfolge, Fakten die Amnesty International „vergaß“ zu […]

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