Hogwarts an der Spree: Steinbeis-Hochschule Berlin

In den letzten Wochen war die Neugründung der Homöo-Akademie in Traunstein ein Reizthema auf vielen Blogs und selbst die Lokalpresse hat es aufgegriffen. Hier nur ein kurzer Überblick:

Die Homöo-Akademie in Traunstein ist auf kritische Resonanz gestoßen, wohingegen die Ankündigung der Kursangebote in Kitzingen für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Klassische Homöopathie für rd. 16.000,- € mit Abschluss Bachelor of Science über das Institute of Complementary Medicine (INCOM) — INCOM, die Ähnlichkeit mit income ist sicher nur rein zufällig — geräuschlos abgelaufen sind.

Steinbeis-Zentrum in Berlin

Steinbeis-Zentrum in Berlin

In diesen und weiteren Fällen führt die Spur nach Berlin zur Steinbeis-Hochschule Berlin (SHB). Im Osten der Stadt, an der Ringbahn zwischen Ostkreuz und Frankfurter Allee gelegen, findet sich in einem Bürohausneubau das Steinbeis-Zentrum. Die untere Etage enthält praktisch nur Schulungsräume, ausgestattet mit OH-Projektor und Flipschart, und ein kleines Restaurant. Die Steinbeis-Hochschule residiert in der ersten Etage (daher Hochschule?), die anderen Räumlichkeiten sind an andere Firmen vermietet, die dort teilweise ebenfalls Schulungen abhalten. Die ganze Einrichtung vor Ort steht nun zunächst im Widerspruch zu dem was man sich sonst unter einer Hochschule mit Forschungseinrichtungen vorstellt und zu dem was die Homepage dazu vermittelt:

Studenten und Alumni
Mehr als 5.700 Studierende waren 2011 in Bachelor- und Masterstudiengängen an der SHB eingeschrieben. Darüber hinaus haben 47 Promovenden transferorientiert und praxisnah geforscht. Betreut werden die Studierenden von rund 1.400 Professoren und Lehrkräften. Seit ihrer Gründung konnte die SHB mehr als 6.000 Alumni verabschieden.

In Berlin besteht meines Erachtens überhaupt nicht annähernd die Kapazität solch eine Studentenzahl zu betreuen, insbesondere auch im Hinlbick auf das ans Paradies grenzende Verhältnis von vier Studenten je Lehrkraft. Dieses Problem hat die Steinbeis-Hoschschule dadurch gelöst, daß ihre Veranstaltungen quer über das Land verteilt bei anderen Einrichtungen stattfinden. Die Homöo-Akademie ist (wäre?) da nur ein kleiner Baustein im System. Anders ausgedrückt, Berlin wurde im Wesentlichen nur als Unternehmenssitz der Hochschule gewählt. Was zwanglos zu der Frage führt, was Berlin hierfür prädestiniert hat. Die Politik jedenfalls, ist nicht uninformniert:

Die Leiterin der Homöo-Akademie verwies außerdem auf die enge Zusammenarbeit mit der Politik. So bestehe neben den Verantwortlichen vor Ort auch Kontakt zum Kultusministerium. Herr Professor Löhn, Leiter der Steinbeis-Hochschule Berlin, habe für den Studiengang „grünes Licht“ erhalten.

Auf den ersten Blick scheint es bei dem Angebot der SHB um Studiengänge aus dem Wirtschaftsbereich zu gehen, aber ein Blick in die Studiengänge zum Bachelor of Science (B. Sc.) vermittelt schnell ein anderes Bild:

  • Complementary Medicine and Management
    • Homöopathie
    • Homöopathie EUH
    • Manual Medicine & Osteopathy
    • Osteopathische Manuelle Medizin
    • Podologie
    • Physiotherapie
    • Traditional Chinese Medicine
  • Komplementärtherapie
    • Atemtherapie
    • Kinesiologie
    • Shiatsu
    • TouchLife
    • Physiotherapie

Seitenflügel des Steinbeis-Zentrum in Berlin

Seitenflügel des Steinbeis-Zentrum in Berlin

Interessant ist auch die Einordnung von Podologie und Physiotherapie unter „Complementary Medicine and Management“. Soweit mir bisher bekannt (Esoteriker kapern gerne mal seriöse Begriffe, um ihnen neue Inhalte zu verleihen), handelt es sich bei Beiden um eine seriöse Angelegenheit und haben nichts mit Esoterik zu tun. Man kann darüber streiten ob eine Akademisierung dieser Berufe sinnvoll ist, aber dies ist ein allgemeiner, wie ich finde kritikwürdiger, Trend, hat aber nichts mit dem vorliegenden Problem zu tun. Bemerkenswert scheint mir allerdings daran zu sein, daß hier der feststehende Begriff „komplementäre Medizin“ eine Erweiterung erfährt. Durch Mischen seriöser Berufsrichtungen mit mindestens zweifelhaftem, esoterischem Gedankengut wird versucht, den Begriff „Komplementärmedizin“ aus dem Esoterikbereich zu lösen. Die Vorgehensweise ist logisch, soll doch Ungleiches durch diese Maßnahme auch umgangssprachlich gleichgestellt und aufgewertet werden. Letzendlich erfährt dadurch der Begriff „Wissenschaft“ eine gesellschaftschädigende Verwässerung. Übrig bleibt Wissenschaft D200.

Als Verantwortlicher für die Kurse der Komplementärtherapie zeichnet Dr. jur. Ernst Joseph Boxberg, ein Rechtsanwalt, nach eigener Aussage Fachanwalt für Medizinrecht. So wird der Physiotherapiekurs auch an der Berufsfachschule Physiotherapie Bad Birnbach angeboten. Wesentlich aufschlussreicher ist seine Funktion als Direktor des Institutes für körperbezogene Therapien (IKT), denn dort wird unmissverständlich klargestellt, welcher Aufgabe es sich verpflichtet fühlt, nämlich der Akademisierung von Quacksalberei:

Langfristiges Ziel ist es, die Akzeptanz der komplementären Methoden in Wissenschaft und Gesellschaft zu stärken.

Dieses Ziel wird von dem ebenfalls zum Steinbeis-Konglomerat gehördenden IKT auch konsequent umgesetzt, so bietet man dort eine Reihe von Studiengängen, u. a. durchgeführt am mediacampus (man beachte: mediacampus, nicht medicampus!) in Frankfurt am Main — einer Einrichtung bei der es vornehmlich um schöngeistige Literatur geht — , mit Abschluss Bachelor of Science an, die kaum weiter von Wissenschaft entfernt sein könnten:

Das IKT sieht sich federführend in der Schaffung dieser neuen pseudowissenschaftlichen Studiengänge:

Konkret hat das IKT die Studiengänge – Complementary Medicine and Management mit der Vertiefungsrichtung Manual Medicine & Osteopathy – Komplementärtherapie mit den Vertiefungsrichtungen Atemtherapie, Kinesiologie, Klang-Resonanz-Therapie, Touch Life und Shiatsu – Podologie ins Leben gerufen.

Ich persönlich bin bisher zu der Auffassung gelangt, daß in diesem umfangreichen und unübersichtlichen Verbundsystem zwar immer von Forschung die Rede ist, dies aber nur aus Alibi-Gründern erfolgt. Ich bezweifele, daß dort irgend etwas geforscht wird, was den Namen verdient. Wenn tatsächlich soviel geforscht werden würde wie angegeben, müsste dies auch zu greifbaren Ergebnissen geführt haben. Aber nirgends bin ich bisher auf Präsentationen von Forschungsergebnissen oder adäquate Publikationen gestoßen. Arbeiten dort tatsächlich nur glücklose Forscher? Für mich handelt es sich um ein kommerzielles Netzwerk der berufsbegleitenden Erwachsenenfortbildung, wobei man im Falle der paramedizinischen Kursangebote wohl eher von Rückbildung sprechen müsste.

Bereits an dieser Stelle lässt sich festhalten, daß es längst nicht mehr nur um ein paar skurrile Esoteriker geht, die Zauberschulen gründen, sondern um eine massive Unterwanderung — vermutlich mit politischer Unterstützung — der Wissenschaft mit pseudowisenschaftlichem und esoterischem Gedankengut zum Schaden aller. Es läuft darauf hinaus, daß das gesamte System der Akkreditierung von Hochschulen und Studiengängen grundsätzlich in Frage zu stellen ist und alle Studiengänge auf entsprechende Inhalte hin überprüft werden müssen. Weiterhin müssen sich Professoren und vor allen Dingen die Vertreter der Wissenschaftsorganisationen bis hin zum Wissenschfatsrat deutlich zu Wort melden. In dieser Hinsicht haben einige Pharmazieprofessoren in ihrem offenen Brief an den Präsidenten der Bundesapothekerkammer schon mal Stellung für die Wissenschaft bezogen. Das kann naber nur ein erster Schritt sein.

Soweit der momentane Stand Dinge, der noch etliche Fragen offen lässt. Es bleibt daher weiter spannend …

20 Kommentare

  1. […] an der Spree: Steinbeis-Hochschule Berlin, Feuerwächter am 15. Dezember […]

  2. […] die überregional in ganz Deutschland ihre Leistungen anbieten. Feuerwächter hat in einem aktuellen Blogbeitrag das Engagement der SHB auf dem alternativmedizinischen Gebiet aufgearbeitet. Als Ergebnis findet […]

  3. Thomas sagt:

    Was kommt als nächstes? Der Bachelor of Science im Handauflegen und Gesundbeten? Der Doktor im Hühnerknochenwerfen? Sehr beunruhigend und antiaufklärerisch das Ganze….

  4. Michel sagt:

    Dann sind solche Leute noch beleidigt, wenn man sie nicht ernst nimmt oder aggressiv, wenn man sie auf ihre Selbsttäuschungen aufmerksam macht.
    Rückwärts ins Mittelalter!!!!

  5. […] „European Union of Homoeopathy“ (EUH), der über ein sogenanntes Transfer-Institut der privaten Steinbeis-Hochschule Berlin […]

  6. […] anderen Worten: Nicht unsere Baustelle, zuständig ist Berlin. Es lohnt sich wohl, diese ehrenwerte Steinbeis-Hochschule unter die Lupe zu nehmen. Sie bietet jede Menge an pseudowissenschaftlichem Unsinn […]

  7. […] an der Spree: Steinbeis-Hochschule Berlin, Feuerwächter  am 15. Dezember […]

  8. […] Grundsätzen diametral entgegenstehen, als auch im Speziellen am Lehrpersonal der projektierten Homöo-Akademie in Traunstein, welches nicht die Qualifikation für Lehre und Forschung an einer ordentlichen Hochschule […]

  9. […] Stellungnahme zu den um die Jahreswende bei ihr eingegangenen Anfragen bzgl. der Akkreditierung der Homöo-Akademie in Traunstein abgegeben. Der vorletzte Satz der Stellungnahme ist der Wichtigste, stellt er doch die Haltung des […]

  10. […] an der Spree: Steinbeis-Hochschule Berlin, Feuerwächter am 15. Dezember […]

  11. […] missfällt dem Blogger-Kollegen, dass unsere Kritik an dem undurchsichtigen Gebaren der Steinbeis-Hochschule Berlin von Spiegel-Online zu einem “unumstößlichen Omen für […]

  12. […] stammt von der Europäischen Union der Homöopathie (EUH), angeboten wird das Studium über das Steinbeis-Transfer-Institut EUH, eine Einrichtung der privaten und staatlich anerkannten Berliner […]

  13. […] Steinbeis-Hochschule Berlin verfügt jedoch – trotz einer staatlichen Anerkennung – nicht über die bewährten […]

  14. […] Steinbeis-Hochschule Berlin hat der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Ende März mitgeteilt, dass die […]

  15. […] für Bildung, Jugend und Wissenschaft (SenBJW) bestätigt wurde, bekannt, nach der der von der Steinbeis-Hochschule in Berlin (SHB) für Herbst 2014 geplante Studiengang in Hömopathie zum B. Sc. in Traunstein icht realisiert […]

  16. […] 15.12.2013 Feuerwächter Hogwarts an der Spree: Steinbeis-Hochschule Berlin […]

  17. […] Ist die Hahnemannsche Homöopahtie schon Unsinn, handelt es sich bei der Revolutionierten Homöopahtie nach Seghal um die Krönung der Quacksalberei und die Berliner Ärztekammer adelt diese Scharlatanerie auch noch mit Fortbildungspunkten. Übrigens läuft es unter Einführung, was ganz zwanglos zu der Annahme führt, daß auch noch eine Vertiefung droht. (Liest hier jemand von der Steinbeis-Hochschule mit? Wär’ das nicht was für Euch, als eigener Studiengang?) […]

  18. […] bereits hier angedeutet, ist mit dem Rückzug der Genehmigung durch die Steinbeis-Hochschule in Berlin (SHB) für den Homöopathie-Studiengang bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft […]

  19. Jochen Handt sagt:

    zum Beitrag über die sog. Steibeis „Hochschule“:
    wurde schon über Zusammenhänge mit „NLP“ nachgeforscht?

  20. Nicht nähner. Es ging damals allein um die Eröffnung einer eignen, neuen Homöopathie-Uni. Unbestritten ist, daß Steinbeis noch weitere merkwürdige Abschlüsse, darunter auch NLP-Kurse, anbietet, aber die waren bereits genehmigt.

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