Organspende

Geht es nach Gesundheitsminister Jens Spahn, soll ein jeder, der sich zu „Lebzeiten“ nicht über die Bereitschaft zur Organspende geäußert hat automatisch als Organspender gelten. Wer dies nicht möchte muss offiziell widersprechen. Somit wird das bisherige Prinzip der ausdrücklichen Zustimmung umgekehrt in einen ausdrücklichen Widerspruch. Im Folgende meine wesentlichen Punkte, warum ich persönlich die Widerspruchslösung in Sachen Organspende für grundfalsch halte.

  1. Die Einführung der Widerspruchslösung zur Organspende ist keine neutrale Maßnahme des Staates um für den Fall des Falles des betroffenen Bürgers, hier der potentielle Organspender, Vorsorge zu treffen, sondern sie ist mit dem ganz konkreten Ziel verknüpft, mehr Organspenden zu generieren.
  2. Eine Organspende ist eine höchst persönliche Angelegenheit und die Entscheidung muss dem Einzelnen ohne Druck überlassen bleiben. Gerade der von Gesundheitsminister Spahn vorgebrachte Vorschlag jeden Bürger mit der Aufforderung er möge sich bitte entscheiden dreimal anzuschreiben, ist — egal wie umschreibend es ausformuliert sein wird — eine Form von Druck auf den Bürger. Auch die Ankündigung man wolle Anreize schaffen, etwas was bereits länger im Gespräch ist, zielt ganz im Sinne Jens Spahns darauf ab, den Bürger zu einer Zustimmung zur Organspende zu bewegen. Bei der Widerspruchslösung bleibt zwar die Entscheidung zur Organspende rein formal freiwillig, aber das Drängen überhaupt eine Entscheidung zu treffen konterkariert diese Freiwilligkeit, wie es der Begriff der Spende eigentlich impliziert.
  3. Die von Jens Spahn angestrebte und auch in linken Parteien befürwortete Widerspruchslösung steht auch meinem Verständnis eines liberal-freiheitlichen Staatswesens entgegen, in dem nur das Notwendigste für das Zusammenleben vom Staat reguliert wird und ansonsten der Bürger maximale Handlungsfreiheit genießt. Dazu gehört für mich auch, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden und keine Stellung beziehen zu müssen. Ich sehe übrigens generell eine starke Tendenz von Seiten des Staates, die persönlichen Entscheidungsfreiheiten zu Gunsten irgendwelcher angeblich höheren Ziele immer weiter einzuschränken, hin zu einer auf Linie getrimmten Gesellschaft, allen Proklamationen von „bunter Vielfalt“ zum Trotz.

Hinzu kommt noch etwas Anderes. Jens Spahn hat die für mich äußerst unangenehme, ideologisch motivierte Attitüde, das selbstbestimmte Handeln am Lebensende von Menschen durch staatliche Regulatorien aushebeln zu wollen. Hierzu gehört die Widerspruchslösung bei der Organspende genauso, wie seine rechtswidrige Weisung an das Bundesamt für Arzneimittel (BfArM) entgegen einer anderslautenden Gerichtsentscheidung tödliche Medikamente an Schwerstkranke nicht abzugeben. Es geht ihm also nicht um die Stärkung, sondern um die Schwächung des Selbstbestimmungsrechts des einzelnen Bürgers zu Gunsten seines ideologischen Weltbildes.

Zur Klarstellung:
Ich habe seit vielen Jahren einen Organspendeausweis in meinem Portemonnaie, nicht erst seit dem die Diskussion darüber erneut aufgeflammt ist, in dem ich der Organentnahme zustimme. Auch bin ich mir des Dilemmas bewusst, daß sich die Zustimmung zur Organspende mit der Ablehnung lebensverlängernder Maßnahmen in der Patientenverfügung widerspricht. Das ist aber ein anderes Problemfeld.

Ein Kommentar

  1. GMS sagt:

    Die Zahl der postmortalen Organspenden ist von über 800 im Jahr 2012 auf knapp 600 in 2017 zurückgegangen. Die Entscheidung des BGH, Chirurgen zu Entschädigungen wegen Müdigkeit der Spender zu verurteilen (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/organspende-bundesgerichtshof-spricht-nieren-spendern-entschaedigung-zu-a-1250466.html) hat mit der überbordenden Bürokratie seit 2012 im Gesundheitswesen zwei Gründe geliefert, weshalb keiner diese Arbeit goutiert.

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