Mehr Spione hat’s im Land

Die Spionage-Affäre nimmt Fahrt auf:

Nach Informationen von „Bild am Sonntag“ aus US-Geheimdienstkreisen führt der amerikanische Auslandsnachrichtendienst CIA mehr als ein Dutzend Regierungsmitarbeiter in Deutschland als Quellen. Im Visier der CIA sind dabei die vier Ministerien Verteidigung, Wirtschaft, Innen und Entwicklungshilfe.

Allmählich wird die Geheimdienstgeschichte unübersichtlich. Nicht daß mich die Nachricht von mehr (amerikanischen) Spionen in irgendeiner Form überraschen würde, aber daß die sogenannten US-Geheimdienstkreise eine Zeitung und dann auch noch ausgerechnet die „Bild am Sonntag“, über weitere Spione von ihnen in Regierungskreisen in Kenntnis gesetzt haben sollen, halte ich doch für ziemlich ungewöhnlich. Sind die Informanten nun weitere Whistleblower, Verräter oder einfach doch nur Wichtigtuer? Ich bin durchaus überzeugt davon, daß einige Leute bedenkenlos Informationen an die Amerikaner weitergeben ohne sich im Klaren darüber zu sein, daß sie Spionage treiben, denn die Verflechtungen der politischen Akteure mit den USA sind teilweise einfach zu intensiv, um Gedankenaustausch und Spionage noch auseinander halten zu können. Genau dieser engen Verzahnung dienen auch die unzähligen deutsch-amerikanischen Verbände, wie bspw. die Atlantikbrücke.

So langsam fühlt man sich aber doch von allen Seiten nur noch verschaukelt. Fassen wir die bisherigen Akte der Schmierenkomödie einfach mal kurz zusammen, in den Hauptrollen:

  • Ein junger Geheimdienstler, deckt die Machenschaften einer weltweit agierenden NSA auf, aber keines der Opferländer, die sich als Rechtsstaat bezeichnen will etwas mit ihm zu tun haben, so daß er nur in einem ziemlichen Willkürsystem Unterschlupf finden kann.
  • Eine Regierung, die nicht nur nichts gegen die Bespitzelung der gesamten Bevölkerung unternimmt, sondern sich selbst aktiv daran beteiligt, reagiert anscheinend ungehalten auf das Abhören ihrer eigenen Kommunikation, obwohl es jedem hätte klar sein müssen, daß Regierungsmitglieder und ihr Umfeld immer zu den primären Ziel von allen Geheimdiensten gehören. Spionage und Diplomatie sind seit ewigen Zweiten die unsterblichen Zwillingschwestern in der Politik.
  • Eine „not amused“ Kanzlerin im Fußballfieber, die darauf wartet endlich wieder ihrem Fetisch „Herrenumkleide“ fröhnen zu können und für die nicht nur die transtlatische Freundschaft alternativlos ist.
  • Ein Bundesanwalt, der nicht ermitteln will und auch nicht so recht weiß um welches Zielobjekt es sich handelt (NASA, SNA).
  • Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss, der nichts untersucht und auf keinen Fall den Hauptzeugen befragen will, sich dafür aber für Grillabende der NSA interessiert.
  • Mindestens ein Dreifachspion aus dem inneren Geheimdienstkreis, der sich per unverschlüsselter e-Mail mit angehängten Geheimdokumenten, bei der Gegenseite bewirbt.
  • Ein ehemaliger Chef des Bundeskanzleramtes und Geheimdienstkoordinator und aktueller Außenminister, der mindestens von den Rendition-Flügen der CIA wusste ohne etwas dagegen zu unternehmen, befürwortet den Rauswurf des amerikanischen Geheimdienstkoordinators, will aber gleichzeitig einen Neustart der transatlantischen Freundschaft, bevor die strittigen Punkte überhaupt annähernd aufgeklärt sind.
  • Mehrere hundert Mitarbeiter der Spionageabwehr mit weißen Stöcken.
  • Ein Finanzminister, mit retrograder, hochselektiver Amnesie bzgl. geldgefüllter Briefumschläge, der sich darüber beklagt, daß im eigenen Land nur drittklassige Leute durch fremde Geheimdienste angeworben werden.
  • Geheimdienste die sonst alle Verbindungen abhören sowie alles kopieren und speichern, sollen auf einmal die SMS und e-Mails auf diversen Händis durchsuchen und dabei Spuren hinterlassen.
  • US-Geheimdienstkreise verraten einer Boulevardzeitung, daß sie seit Jahren noch mehr Spione in den Ministerien haben.

Das alles klingt doch sehr surreal. Nichts davon ist unmöglich, aber wirklich glaubwürdig ist es auch wieder nicht. Sollten hier wirklich auf allen Seiten Dilettanten am Werke sein oder sind wir hier nur einbezogene Zuschauer bei einem Stück, dessen Namen wir noch nicht kennen? Jedenfalls wäre mit dem bisherigen Wissen solch einem Drehbuch für einen ernsthaften Spionagethriller nie verfilmt worden.

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